Seit Jahrzehnten war
die legendäre Erscheinung von Mstislav Rostropowitsch für mich
eine der wenigen richtungsweisenden Gestalten der musikalischen Gegenward.
Doch erst 1974 kam es zu einer flüchtigen Bekanntschaft und zu einem
Gespräch über ein Stück, das für Cello gedacht war. Aber
dann traten erschwerende Ereignisse ein: die Verbannung und die darauffolgende
Änderung der Staatsangehörigkeit von Rostropowitsch und seiner
Frau, Galina Wischnewskaja - und bei mir die sich fortsetzende, fast
völlige Unmöglichkeit, in den Westen zu kommen. Erst 1986 begann
das Abtauen des vorher ewig erscheinenden Eises, und damit auch eine
Kontaktmöglichkeit - und auch ein Weiterführen des alten Planes,
der schließlich Anfang diesen Jahres zur Ausführung kam.
Das zweite Cellokonzert wurde ganz anders
als das erste (dieser Befund hat sich bis heute schon mehrfach wiederholt).
Es ist eigentlich eine Klangwelt mit zwar vorherrschendem Celloklang,
aber auch ein dramatisches Aufstauen eines kontrastierenden Orchesterklangs.
Doch der 5. Satz - eine Passacaglia - ist der wichtigste: Über
einem sich auf tausend Arten spiegelnden Choral erhebt sich ein unendliches
Rezitativ der Cellostimme, das sich manchmal thematisch gestaltet, manchmal
nur spontane Reaktionen beinhaltet. Kurz vor dem Ende kommt ein
überschäumender Höhepunkt. und dann bringt ein dunkler und
dunkler werdender, abschwellender Orchesterklang diese Lebensuhr zum
unhörbaren, ewigen Weiterklingen.
Ich müßte noch sagen, daß
jenes Passacaglia-Thema aus einer von mir 1973/74 komponierten Filmmusik
stammt, einer Musik zu Elem Klimows Film "Die Agonie", der über die
letzten Wochen Rußlands vor der schon mehr als siebzig Jahre dauernden
Nacht in der Geschichte dieses Landes berichtet - mit einer wirklich
heranbrechenden Morgenröte, die letztlich aber doch nur eine Hoffnung
blieb (denn es gab ja auch schon eine ganz andere Röte...).
Uraufführung:
27. Mai 1990, Evian
Mstislav Rostropovich,
Symphony Orchestra of the Curtis Institute of Philadelphia - Theodor Guschlbauer.
Die Aufnahme mit dem Concerto grosso
No. 2:
BIS
CD-567, Lev Markiz
© clockwork.de |