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alfred schnittke

Werk
Gogol Suite

"Musik - das ist Denken über die Welt, eine Einstellung
zur Welt, die in klingender Form ausgedrückt ist."

Diese Suite - eine Folge von ein- bis siebenminütigen, scheinbar recht amüsanten Sätzen - dürfte wohl kaum zu den Hauptwerken Schnittkes zuzurechnen sein. Dennoch leuchten hier zahlreiche Proben der Erfindungs-, Satz- und Collagetechnik des namentlich als "Polystylist" hochgeschätzten Komponisten auf, und fraglos begegnen wir hier sowohl einer Sympathieerklärung des deutschstämmigen Schnittke an sein russisches Herkunftsland als auch seiner höchst ernsthaften Verneigung vor dem geliebten Realisten Gogol, dessen literarische Gestalten in oftmals grotesker Weise die Problematik des russischen Wesens reflektieren.

Die etwas komplizierte Entstehungsgeschichte beginnt 1976, als Juri Ljubimow, Leiter und Regisseur des Moskauer Taganka-Theaters, Schnittke den Auftrag erteilt, die Bühnenmusik zu einem ungewöhnlichen Gogol-Spektakel zu schreiben. Schnittke hatte zu dieser Zeit vor allem als Film- und Bühnenkomponist (Musik zu über 40 Filmen und zu Stücken von Shaw, Schiller, Puschkin und Brecht) hohen künstlerischen Ruf erlangt. Die Uraufführung seiner durch kühne Collagen und polystilistische Vielfalt aufregenden 1. Symphonie (1974 in Gorki durch Gennadi Roschdestwenski) hatte im kulturpolitischen Spannungsfeld des Sowjetstaates hochkontroverse Wellen von Wut, Neid und Bewunderung ausgelöst. So wußte Ljubimow genau, bei wem er die Bühnenmusiken für seine revolutionierenden Inszenierungen am Taganka-Theater bestellte: zuerst für Brechts Turandot (1972), vier Jahre später für die Geschichte des Revisors, ein Gogol-Zusammenschnitt zum 30jährigen Jubiläum des berühmten Theaters, der "den ganzen Gogol" zu einem einzigen Abend konzentrieren sollte.

Scheinbar sinnlos hatte Ljubimow hier zahlreiche Gogol-Stoffe (Die Nase/Der Revisor/Die toten Seelen/Der Mantel/Das Portrait u.a.) zu einem grandiosen Spektakel vermischt, wobei sein subtiles Gefühl für den zeitlichen Ablauf und das gegenseitige Durchdringen der Handlungsabläufe zu einer genialisch ausgetüftelten Dramaturgie führte. Wieder einmal erwies sich das vielgestaltige Geschehen, bei dem durch überraschende Konfrontation alles einen mehrfachen Sinn erhält, als Ljubimows eigentliches Element. Dies war und ist aber auch ein elementares Formprinzip Alfred Schnittkes, der diese Komposition "als eine beinahe nebensächliche Gebrauchsmusik" ansah und absolvierte. Sie verwendet Eigenes und Fremdes, echte und falsche Zitate, Neukomponiertes und Teile aus früher Entstandenem. Wie im Reisewagen des Tschitschikow führten Ljubimows Stück und Schnittkes Musik durch das wirkliche Russland, das Gogol mit den Charakteren seiner schon sprichwörtlichen Figuren so lebendig und dabei so traurig geschildert hat.

Ein Wechsel in der musikalischen Leitung des Taganka-Theaters führte dazu, daß Gennadi Roschdestvenski, der sich schon 1963 für Schnittke mit der Uraufführung vieler Orchesterwerke engagiert hatte, das Dirigat der Bühnenmusik zur Geschichte des Revisors übernahm. Später kam ihm der Gedanke, wesentliche Teile der Schauspielmusik zu einer Gogol-Suite zusammenzustellen. Mit viel Geschick filterte er das Material und legte eine achtteilige Suite vor, die mit ihren Bildern, Schattierungen und Kontrasten die facettenreiche Gestaltung Schnittkes und natürlich auch "den ganzen Gogol" in der genialischen Zusammenschau eines Ljubimow einfängt. Die geringen Retuschen des Bearbeiters (z.B. das Einfügen eines eigenen Sätzchens "Ferdinand VIII." oder das Aneinander- und Übereinander-Montieren einiger Passagen) lassen die von Schnittke stammende Faktur nur noch deutlicher hervortreten.

Nach der kurzen Ouvertüre, die nach dissonannten Akkordschlägen das Eingangsmotiv von Ludwig van Beethovens Fünfter im Cembalo parodiert und im Orchester zitiert, und nach der anschließenden Reverenz vor Gogols Romanhelden Tschitschikow (was Schnittke mit dem klanglich gebrochenen Nachahmungsversuch einer Haydn-Symphonie unternimmt) kündet ein sich bald variationsreich steigernder Langsamer Walzer einen nicht nur wegen der Zeitdauer (beinahe 8 Min.) wesendlichen Satz der Suite an: "Das Portrait" schildert das Schicksal eines Malers, den die Vision eines seltsamen Bildes zu einer ihm wesensfremden Malweise, zu Reichtum und schließlich zu Wahnsinn und Tod treibt. Ein verfälschendes instrumentales Wechselspiel führt zu kühnen Übereinanderschichtungen "à la Ives", ehe tickende Zeitsignale über gespenstischer Tuba-Tiefe, verzerrende Cluster und ein zum chaotischen Abgrund stürzendes Glissando zerstörerischen Wahnsinn signalisieren. - Daß auch der Verlust eines schönen Mantels zun Tode führen kann, beweist Gogol mit seiner Geschichte "Der Mantel", und noch heute scheint der arme Baschmatschkin als Gespenst zu Schnittkes Musik seinem gestohlenen Rock in St. Petersburg nachzuirren. Kurz und knapp stellt sich Gogols Wahnsinniger im folgenden Melodram als "Ferdinand VIII." vor. Dann werden mit einen Allegro-Fugato "Die Bürokraten" demaskiert. Das anfangs fast mechanische Zusammenführen zweier Themen führt zu einem maßlosen Aufeinandertürmen zahlreicher Themenschichten, worin sich Selbstüberschätzung und Aufblähen des Beamtenapparats zu spiegeln scheinen. - Fast gespenstisch gerät der "Ball" aus den "Toten Seelen": Eine leere Aneinanderreihung von Tanzstereotypen (Walzer, Tango, Polka), wie sie als alltägliche Unmusik noch heute begegnet. Der Schlußsatz beinhaltet wohl das "Vermächtnis" des Dichters. Darauf deutet die alte ukrainische Volksweise "Vom singenden Hahn", die Schnittke während seines Chorleiterstudiums kennenlernte, und die hier nach einer kurzen Kanon-Einleitung auf dem präparierten Klavier erklingen läßt. Diese abgründige traurige Melodie, die sich unter Druck dissonierender Kontrapunkte zu einem "Schwarzen Stern" zu verdichten scheint, charakterisiert wohl den Ukrainer Nikolai Gogol, der angesichts der tragischen menschlichen Konflikte resignierend schrieb: "Die Welt hört mein Lachen, die Tränen sieht und kennt sie nicht". Im Nachlang dessen könnte uns die Musik Alfred Schnittkes sogar zu einem "Lächeln unter Tränen" führen.

Uraufführung: 5. Dezember 1980, London

Maida Vale Hall, BBC Symphony Orchestra - Gennadi Roshdestvensky

mp3

Text mit freundlicher Genehmigung von BIS, Schweden

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