Das Concerto grosso
Nr. 1 entstand 1976 auf Anregung meines Freundes Gidon Kremer
und wurde im Januar 1977 abgeschlossen. Es besteht aus sechs
Sätzen, die ineinander übergehen, wobei Recitativo und Rondo die
größte zeitliche Ausdehnung haben. Die Cadenza der beiden Soloviolinen
ist relativ kurz. Das Klavier wird durch einige zwischen die Saiten geklemmte
Münzen klanglich verfremdet und dabei durch Mikrofon verstärkt
- es symbolisiert sozusagen eine äußere Macht in diesem Stück.
Solistische Aufgaben fallen auch dem Cembalo zu, so beispielsweise
im Tango des 5. Satzes.
Man kann in diesem Stück von drei
musikalischen Sphären sprechen:
Von Chiffren und auch Formtypen der
Barockmusik, von freitonaler Chromatik und Mikrointervallen und schließlich
von vulgärer Gebrauchsmusik banaler Prägung. Diese drei Sphären
werden gegeneinander ausgespielt. Der Sinn des 'Concerto' findet sich also
auch hier, und nicht nur in der äußerlichen Instrumentalbesetzung
(Soli gegenüber Tutti). Das Banale hat eine fatale Funktion in diesem
Stück: es unterbricht eigentlich alle Entwicklungen und es Triumphiert
auch am Ende. In unserer Zeit, da die kühnsten und neuesten Mittel schon
irgendwie abgestumpft klingen, gewinnt das Banale in dieser Art Konfrontation
eine Ausdruckskraft fast dämonischer Art. Das Banale gehört ja
zum Leben, und ich finde es nicht unbedingt richtig, daß die Trivialmusik
seit vielen Jahren in der Entwicklung der Avantgarde ausgeschaltet und ignoriert
wurde. In meinem Concerto grosso dominiert das Banale allerdings in zeitlich
- räumlicher Hinsicht keinesfalls, aber es wirkt sozusagen von außen
her störend und zerstörend. Als Beispiel hierfür möchte
ich den Tango erwähnen, oder das sentimentale Lied am Beginn, das immer
wiederkehrt und schließlich auf dem Höhepunkt alles 'zugrunde
richtet'.
Das Ausspielen und Interpolieren der
verschiedenen Stile gegeneinander erzeugt also die wesentlichen Spannungseffekte
in diesem Stück. Eine scharfe Abgrenzung der Sphären soll dabei
nicht unbedingt kontrollierbar gemacht werden. Allerdings, die 'objektive
Kraft des Banalen' soll durchaus bewußt sein, etwa so, wie es Thomas
Mann in seinem 'Tonio Kröger' beschrieben hat.
(Alfred Schnittke)
Concerto Grosso No.
2
Das Stück habe
ich vor kurzem beendet im Mai. Es ist ein Concerto grosso Nr. 2. Ich habe
früher schon eins für 2 Violinen, Cembalo und Streicher geschrieben.
Auch diesmal wollte ich es für eine kleine Besetzung einrichten, was
praktischer ist. Aber da es eben ein Auftrag der Berliner Philharmoniker
war, wollte ich mir nicht die Gelegenheit entgehen lassen, etwas für
das ganze Orchester zu schreiben. Und es entstanden ist jetzt ein Concerto
grosso, das vielleicht gegen Ende in einen anderen Konzert-Typ wechselt:
in ein Konzert für 2 Solisten und Orchester mit anderen Beziehungen
zwischen Solist und Orchester. Das ist meistens im 3. Satz, wobei die ersten
3 Sätze sich an das Schema eines Concerto grosso halten, nämlich
schnell - langsam - schnell. Und dann kommt ein Postscriptum, der langsame
vierte Satz am Ende, der für mich der wichtigste hier in diesem Stück
ist. Ich meine damit, daß die ersten drei Sätze absichtlich eine
Musik sind, wo alte stilisierte Musik durchscheint durch eine teilweise moderne,
teilweise stilisierte Sprache. Es ist ein Versuch eines Spiels mit Stilen,
wo es à la Concerto grosso beginnt, dann wieder dissonanter wird,
dann wieder zurückkehrt. Und der letzte Satz ist stilistisch mehr
homogen. Es ist ein langsames, ausklingendes Adagio. Es gibt keine Zitate.
Aber es gibt viele Andeutungen. Das Hauptthema des ersten Satzes beginnt
wie eins der Brandenburgischen Konzerte von Bach, der erste Takt, und dann
ändert sich das. Das ist bewußt und absichtlich. Aber es gibt
noch eine Annäherung an ein sehr bekanntes Thema. Diese
Annäherung war mir nicht bewußt. Herr Köchel hat mich
darauf aufmerksam gemacht, daß eins der Anfangsthemen bei den Solisten
an "Stille Nacht" erinnert. Mit diesem Lied hatte ich schon einmal
eine Begegnung: Ich hatte mal zum Scherz als Weihnachtsgeschenk an Gidon
Kremer eine Bearbeitung davon gemacht. Es gab da Skandale: Ich wurde
beschuldigt, ich hätte Kultur-Erbe geschändet. Es war (von
mir) nicht so schlimm gemeint. Hier wollte ich es gar nicht zitieren. Aber
scheinbar hat es im Unterbewußtsein herumgegeistert und sich nun wieder
deutlich gemacht.
(Frage nach
Tonalität/Atonalität/Zwölftönigkeit)
Es schwankt immer wieder in eine
Atonalität hinüber, die manchmal zwölftönig ist, manchmal
frei atonal. Zwölftönig nicht in dem Sinne, daß da ein
Zwölfton-Thema durchgeführt wird mit einer Zwölfton-Reihe
als Grundlage. Aber es kommen manchmal Tonfolgen mit 12 verschiedenen
Tönen. Und das wiederholt sich manchmal.
(Frage nach stilistischer Einordnung
und warum nicht gleich ein richtiges Konzert für 2 Solisten)
Man kann sich ein beliebiges Thema als
Form-Konzept wählen und das war eben das mich interessierende. Es wurde
auch ein Concerto grosso bestellt. Ich hatte mal eins geschrieben, und da
dachte ich, ein zweites geht nicht. Das muß jetzt irgendwie
weitergeführt werden. Und es ist immer so: Beim Weiterarbeiten hat man
immer noch etwas im Sinn von den früheren Stücken. So kam es zu
einer Begegnung vom Concerto grosso Nr. 1 und vom 3. Violinkonzert. Die
Stücke haben sich hier zusammengefunden.
(Alfred Schnittke in einer Pressekonferenz
mit Guiseppe Sinopoli am 10.9.82 in Berlin)
Concerto Grosso No.
3
Das Jahr 1985 war ein
fünffaches Jubiläumsjahr. Fünf Meister der Musik aus verschiedenen
Zeiten wurden entweder 1585 (Heinrich Schütz) oder 1685 (Johann Sebastian
Bach, Georg Friedrich Händel, Domenico Scarlatti) oder 1885 (Alban Berg)
geboren. Ihnen zu Ehren geschah vieles, meine Komposition war ein Bruchteil
davon.
Es beginnt "schön" neoklassizistisch
- aber nach einigen Minuten explodiert das Museum, und wir stehen mit den
Brocken der Vergangenheit (Zitate) vor der gefährlichen und unsicheren
Gegenwart. Es wird versucht, nicht tragisch zu werden und dem ewigen Melodram
des Lebens zu entgehen.
Ob es diesmal vielleicht gelungen ist?
Wenn auch nicht - die großen Figuren der Vergangenheit können
nicht verschwinden ...
Ihre Schatten sind lebensfähiger
als das Pantheon-Gedränge von heute.
(Alfred Schnittke)
Concerto Grosso No.
5
Es gibt Formen, die schon längst
tot scheinen und nur noch als Museumsexponate da waren - und dann wieder
zum Leben erwachten und jetzt eine neue Entwicklung durchmachen: Sonaten
und Sinfonien, Fugen und Passacaglien, Konzerte und Concerti grossi.
Natürlich weiß niemand, wohin dieser neu-alte Weg führt -
und auch, ob er überhaupt irgendwohin führt. Doch alle Wege sind
schließlich nur für zeitweiliges Leben da - und für einen
zeitweiligen Tod. Vor hundert Jahren, bei der Eröffnung der Carnegie
Hall, schien ein Concerto grosso kaum jemals lebensfähig zu werden.
Nun aber wurde es ausdrücklich bei mir bestellt.
Doch die jetzige Etappe des Zeitablaufs
scheint einen größeren Bogen zu schlagen, der mehr Inhalte
umfaßt als früher. Die Idee des Zusammenwirkens verschiedener
Zeiten in einem Werk ist heute nicht nur Mode - sie ist brennend aktuell.
Und für mich war es auch eine viele Male scheinbar gelöste und
dennoch bis jetzt ungelöste Aufgabe: den summierenden Sinn der heutigen
Epoche deutlich zu erkennen. Ich versuchte auch, das uralte Formkonzept eines
Jahresablaufs noch einmal zu gestalten - mit allmählichem Beschleunigen
in den ersten drei Sätzen ("Frühling" - "Sommer" - "Herbst") und
abschließend Erstarren ("Winter") - vor der demnächst
zwangsläufig kommenden neuen Windung des ewigen Lebensweges ...
(Alfred Schnittke)
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