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alfred schnittke

Werk
Concerto grosso No. 1 | 2 | 3 | 5

Das Concerto grosso Nr. 1 entstand 1976 auf Anregung meines Freundes Gidon Kremer und wurde im Januar 1977 abgeschlossen. Es besteht aus sechs Sätzen, die ineinander übergehen, wobei Recitativo und Rondo die größte zeitliche Ausdehnung haben. Die Cadenza der beiden Soloviolinen ist relativ kurz. Das Klavier wird durch einige zwischen die Saiten geklemmte Münzen klanglich verfremdet und dabei durch Mikrofon verstärkt - es symbolisiert sozusagen eine äußere Macht in diesem Stück. Solistische Aufgaben fallen auch dem Cembalo zu, so beispielsweise im Tango des 5. Satzes.

Man kann in diesem Stück von drei musikalischen Sphären sprechen:

Von Chiffren und auch Formtypen der Barockmusik, von freitonaler Chromatik und Mikrointervallen und schließlich von vulgärer Gebrauchsmusik banaler Prägung. Diese drei Sphären werden gegeneinander ausgespielt. Der Sinn des 'Concerto' findet sich also auch hier, und nicht nur in der äußerlichen Instrumentalbesetzung (Soli gegenüber Tutti). Das Banale hat eine fatale Funktion in diesem Stück: es unterbricht eigentlich alle Entwicklungen und es Triumphiert auch am Ende. In unserer Zeit, da die kühnsten und neuesten Mittel schon irgendwie abgestumpft klingen, gewinnt das Banale in dieser Art Konfrontation eine Ausdruckskraft fast dämonischer Art. Das Banale gehört ja zum Leben, und ich finde es nicht unbedingt richtig, daß die Trivialmusik seit vielen Jahren in der Entwicklung der Avantgarde ausgeschaltet und ignoriert wurde. In meinem Concerto grosso dominiert das Banale allerdings in zeitlich - räumlicher Hinsicht keinesfalls, aber es wirkt sozusagen von außen her störend und zerstörend. Als Beispiel hierfür möchte ich den Tango erwähnen, oder das sentimentale Lied am Beginn, das immer wiederkehrt und schließlich auf dem Höhepunkt alles 'zugrunde richtet'.

Das Ausspielen und Interpolieren der verschiedenen Stile gegeneinander erzeugt also die wesentlichen Spannungseffekte in diesem Stück. Eine scharfe Abgrenzung der Sphären soll dabei nicht unbedingt kontrollierbar gemacht werden. Allerdings, die 'objektive Kraft des Banalen' soll durchaus bewußt sein, etwa so, wie es Thomas Mann in seinem 'Tonio Kröger' beschrieben hat.

(Alfred Schnittke)

Concerto Grosso No. 2

Das Stück habe ich vor kurzem beendet im Mai. Es ist ein Concerto grosso Nr. 2. Ich habe früher schon eins für 2 Violinen, Cembalo und Streicher geschrieben. Auch diesmal wollte ich es für eine kleine Besetzung einrichten, was praktischer ist. Aber da es eben ein Auftrag der Berliner Philharmoniker war, wollte ich mir nicht die Gelegenheit entgehen lassen, etwas für das ganze Orchester zu schreiben. Und es entstanden ist jetzt ein Concerto grosso, das vielleicht gegen Ende in einen anderen Konzert-Typ wechselt: in ein Konzert für 2 Solisten und Orchester mit anderen Beziehungen zwischen Solist und Orchester. Das ist meistens im 3. Satz, wobei die ersten 3 Sätze sich an das Schema eines Concerto grosso halten, nämlich schnell - langsam - schnell. Und dann kommt ein Postscriptum, der langsame vierte Satz am Ende, der für mich der wichtigste hier in diesem Stück ist. Ich meine damit, daß die ersten drei Sätze absichtlich eine Musik sind, wo alte stilisierte Musik durchscheint durch eine teilweise moderne, teilweise stilisierte Sprache. Es ist ein Versuch eines Spiels mit Stilen, wo es à la Concerto grosso beginnt, dann wieder dissonanter wird, dann wieder zurückkehrt. Und der letzte Satz ist stilistisch mehr homogen. Es ist ein langsames, ausklingendes Adagio. Es gibt keine Zitate. Aber es gibt viele Andeutungen. Das Hauptthema des ersten Satzes beginnt wie eins der Brandenburgischen Konzerte von Bach, der erste Takt, und dann ändert sich das. Das ist bewußt und absichtlich. Aber es gibt noch eine Annäherung an ein sehr bekanntes Thema. Diese Annäherung war mir nicht bewußt. Herr Köchel hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß eins der Anfangsthemen bei den Solisten an "Stille Nacht" erinnert. Mit diesem Lied hatte ich schon einmal eine Begegnung: Ich hatte mal zum Scherz als Weihnachtsgeschenk an Gidon Kremer eine Bearbeitung davon gemacht. Es gab da Skandale: Ich wurde beschuldigt, ich hätte Kultur-Erbe geschändet. Es war (von mir) nicht so schlimm gemeint. Hier wollte ich es gar nicht zitieren. Aber scheinbar hat es im Unterbewußtsein herumgegeistert und sich nun wieder deutlich gemacht.

(Frage nach Tonalität/Atonalität/Zwölftönigkeit)

Es schwankt immer wieder in eine Atonalität hinüber, die manchmal zwölftönig ist, manchmal frei atonal. Zwölftönig nicht in dem Sinne, daß da ein Zwölfton-Thema durchgeführt wird mit einer Zwölfton-Reihe als Grundlage. Aber es kommen manchmal Tonfolgen mit 12 verschiedenen Tönen. Und das wiederholt sich manchmal.

(Frage nach stilistischer Einordnung und warum nicht gleich ein richtiges Konzert für 2 Solisten)

Man kann sich ein beliebiges Thema als Form-Konzept wählen und das war eben das mich interessierende. Es wurde auch ein Concerto grosso bestellt. Ich hatte mal eins geschrieben, und da dachte ich, ein zweites geht nicht. Das muß jetzt irgendwie weitergeführt werden. Und es ist immer so: Beim Weiterarbeiten hat man immer noch etwas im Sinn von den früheren Stücken. So kam es zu einer Begegnung vom Concerto grosso Nr. 1 und vom 3. Violinkonzert. Die Stücke haben sich hier zusammengefunden.

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(Alfred Schnittke in einer Pressekonferenz mit Guiseppe Sinopoli am 10.9.82 in Berlin)

Concerto Grosso No. 3

Das Jahr 1985 war ein fünffaches Jubiläumsjahr. Fünf Meister der Musik aus verschiedenen Zeiten wurden entweder 1585 (Heinrich Schütz) oder 1685 (Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Domenico Scarlatti) oder 1885 (Alban Berg) geboren. Ihnen zu Ehren geschah vieles, meine Komposition war ein Bruchteil davon.

Es beginnt "schön" neoklassizistisch - aber nach einigen Minuten explodiert das Museum, und wir stehen mit den Brocken der Vergangenheit (Zitate) vor der gefährlichen und unsicheren Gegenwart. Es wird versucht, nicht tragisch zu werden und dem ewigen Melodram des Lebens zu entgehen.

Ob es diesmal vielleicht gelungen ist? Wenn auch nicht - die großen Figuren der Vergangenheit können nicht verschwinden ...

Ihre Schatten sind lebensfähiger als das Pantheon-Gedränge von heute.

(Alfred Schnittke)

Concerto Grosso No. 5

Es gibt Formen, die schon längst tot scheinen und nur noch als Museumsexponate da waren - und dann wieder zum Leben erwachten und jetzt eine neue Entwicklung durchmachen: Sonaten und Sinfonien, Fugen und Passacaglien, Konzerte und Concerti grossi. Natürlich weiß niemand, wohin dieser neu-alte Weg führt - und auch, ob er überhaupt irgendwohin führt. Doch alle Wege sind schließlich nur für zeitweiliges Leben da - und für einen zeitweiligen Tod. Vor hundert Jahren, bei der Eröffnung der Carnegie Hall, schien ein Concerto grosso kaum jemals lebensfähig zu werden. Nun aber wurde es ausdrücklich bei mir bestellt.

Doch die jetzige Etappe des Zeitablaufs scheint einen größeren Bogen zu schlagen, der mehr Inhalte umfaßt als früher. Die Idee des Zusammenwirkens verschiedener Zeiten in einem Werk ist heute nicht nur Mode - sie ist brennend aktuell. Und für mich war es auch eine viele Male scheinbar gelöste und dennoch bis jetzt ungelöste Aufgabe: den summierenden Sinn der heutigen Epoche deutlich zu erkennen. Ich versuchte auch, das uralte Formkonzept eines Jahresablaufs noch einmal zu gestalten - mit allmählichem Beschleunigen in den ersten drei Sätzen ("Frühling" - "Sommer" - "Herbst") und abschließend Erstarren ("Winter") - vor der demnächst zwangsläufig kommenden neuen Windung des ewigen Lebensweges ...

(Alfred Schnittke)

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