 |
...mit Yehudi Menuhin
1984 |
...mit Rostropowitsch
1992 |
...mit Yehudi Menuhin 1995 |
Im Sommer 1989,
im Alter von 15 Jahren, stieß ich das erste Mal auf die Musik von Alfred
Schnittke. Ich war auf einem Meisterkurs des Schleswig-Holstein Musik Festivals,
als ein Mitstudent die Violinsonate Nr. 1 in einem Konzert aufführte,
jenes Werk, das Sie auf meiner CD hören; aber in seiner Originalfassung
für Violine und Klavier. Von diesem Moment an, wollte ich nichts lieber
als diese Musik spielen. Der Violinist spielte von einer kaum leserlichen
hand-kopierten Partitur, und ich erinnere mich daran, nach dem Konzert an
ihn herangetreten zu sein, und ihn angefleht zu haben, mir die Noten zu
kopieren.
Das folgende
Jahr auf demselben Sommerkurs, aber dieses Mal unter der Leitung meines neuen
Lehrers, Zakhar Bron, war ich der Student, der dieses gleiche Werk im Konzert
spielte. An diesem Abend begann meine "Affäre" mit Schnittkes
Musik.
Während
des folgenden Jahres tauchte ich in jede Arbeit von Schnittke, die ich finden
konnte. Glücklicherweise existierte ein riesiges Repertoire für
Geige. Nach den 2 Violinsonaten (es gibt jetzt eine 3te) kam das Klavierquartett,
Streichtrio, Klavierquintett, dann die Concerto Grossi und zum Schluß
die Violinkonzerte.
Im Juli 1991
trat ich mit der Sonate Nr. 1 in Deutschland auf. Am Ende des vorletzten
Konzertes erreichte mich eine Nachricht, daß Schnittke plötzlich
an einem Schlaganfall gestorben sei. Ich hatte gehört, daß er
schon 1985 einen Schlaganfall erlitten hatte, aber sich schnell erholte.
Das enorme Gefühl der Traurigkeit, die mit der Enttäuschung
darüber verbunden waren, daß ich die Chance nie gehabt hatte,
ihn zu treffen und mit ihm zu reden, war für mich
überwältigend.
Doch dann
stellte sich heraus, daß die Berichte über seinen Tod eine
Übertreibung waren - vielleicht ein Streich, getrieben von
seinen alten Feinden, dem flüchtenden KGB, die so lange seine Musik
verachtet hatten. Er war am leben ... gerade noch. Wie Alexander Ivashkin
in seinem ausgezeichneten Buch über Schnittke sagt, es war eine
schwere Blutung des Kleinhirns ......aber sein schneller Wiederaufschwung
war ein Wunder; bis zum 20. September war er wieder zu Hause, und hat alle
Vorschläge für eine Rehabilitationsbehandlung eindeutig
abgelehnt. Offensichtlich würde ihn so etwas triviales wie der
Tod, nicht aufhalten, seine Musik zu schreiben! Trotz der bleibenden
Lähmung und des Redebehinderung, war er um so entschlossener weiter
zu komponieren.
Das Koma,
das sich aus Schnittkes erstem Schlaganfall im Juli 1985 ergab, war die Quelle
der Inspiration hinter der Fertigstellung seines Konzert für Viola,
das er Yuri Bashmet widmete. Wie Bashmet mir sagte, hatte Schnittke zugegeben
in dem Konzert zu weit gegangen zu sein und mußte, so in
seinen eigenen Worten, dafür bezahlen.
Im August
1992 habe ich mich mit dem Pianisten Alexei Lubimov und anderen Kollegen
getroffen, um ein Schnittke Kammermusikkonzert in der Schweiz zu geben. Das
Konzert wurde vom Schweizer Rundfunk aufgenommen. So bin ich, ausgerüstet
mit dem Band des Mitschnittes, an einem eiskalten Novemberabend losgezogen,
um Schnittke zu treffen. Bis dahin war jeder Versuch seine Bekanntschaft
zu machen, ein Reinfall gewesen. Ich hatte Agenten, Verleger, Musikerfreunde
kontaktiert, von denen alle über sein Versteck sehr geheimnisvoll taten.
Es war, als habe er eine Salingeresque Qualität
erhalten. Mir war das
völlig bewußt, daß er seine Gründe dafür haben
würde, aber kaum achtzehn, war ich mit so vielen Fragen über ihn
beschäftigt. Es ereignete sich ein Zufall zu meinen Gunsten. Wir
lebten beide in Hamburg, und es war letztlich diese einfache Tatsache, die
unsere Pfade zusammen führte. Bei einer Dinnerparty hörte ich am
Abend, wie einige Leute prahlten, daß ein berühmter Komponist
in ihrem Haus lebt. Ich sollte an dieser Stelle vielleicht hinzufügen,
daß Hamburg zu diesem Zeitpunkt mit bedeutenden Komponisten selten
gut ausgerüstet war, u.a. Ligeti und Gubaidulina. Jedoch spitzte ich
meine Ohren! Ich merkte bald, daß sie tatsächlich über Schnittke
redeten, und meinen ganzen Mut zusammen nehmend, fragte ich sie, wo er
wohne.
Da sie mir
keine Telefonnummer geben konnten, fand ich mich am nächsten Abend
nervös vor seiner Haustür wieder. Ich läutete an der Klingel,
und die Tür wurde von einer Dame aufgerissen, die ich sofort als Schnittkes
Frau, Irina, wiedererkannte. Mit einer nervösen Stimme stellte ich mich
vor, habe mich zutiefst für die unhöfliche und vor allem
unangekündigte Störung entschuldigt und fragte, ob ich einige Worte
mit dem Professor wechseln könne! Zu meinem Erstaunen wurde ich sofort
mit breiten Lächeln hereingeführt, und da, vor mir stand ein kleiner,
leicht gekrümmter Mann, der mir seine Hand entgegen hielt und einfach
"Schnittke" sagte. Ich erinnere mich an seine beißenden Augen, die
direkt durch mich zu schauen schienen. Mindestens eine Minute lang war
ich völlig sprachlos. Schnittke nahm meinen Arm und brachte mich, mit
beträchtlichen Schwierigkeit in sein Wohnzimmer. Ich sagte, daß
ich ein Violinist und ein großer Bewunderer seiner Musik sei. Ich gab
ihm die Kassette vom Kammermusikkonzert aus der Schweiz, und bei der
Erwähnung von Alexei Lubimov begannen seine Augen sofort zu leuchten
und forderten Nachrichten von seinem alten Freund. Ich sagte, daß ich
ihm sehr dankbar wäre, wenn er die Kassette anhören würde
und mir sagen könne, ob wir den Stil und die Überzeugung seiner
Musik getroffen hätten.
Er wollte
alles über mich wissen, was genau ich von ihm aufgeführt hätte,
wann und mit wem. Ich hatte eine besondere Frage über die Verwendung
des Cembalos in der Orchesterfassung der Sonate Nr. 1, gegenüber dem
Klavier in der Kammermusikversion. Ich erinnere mich wie er plötzlich
nervös wurde, als kämpfe er um sich genau daran zu erinnern,
welches Werk ich überhaupt meinte. Es war ein sehr wehmütiger Moment,
besonders weil er sich dafür andauernd entschuldigte. Wir verbrachten
die nächsten 2 Stunden in tiefster Diskussion, bis ich bemerkte, daß
er sehr müde wurde und ich mich entschuldigte, und ging. Zu meiner Freude
bat er mich darum, ihn einige Tage später anzurufen. Dies war der Anfang
einer Reihe von Besprechungen und langwierigen Diskussionen mit Alfred Schnittke,
die in Hamburg zwischen November 1992 und März 1994 stattfanden.
Im August
1993 spielte ich das Concerto Grosso Nr. 3 mit meinem Freund Erik Houston,
bei den Luzerner Festwochen. Das Konzert wurde von Schnittkes engem Freund,
Saulius Sondeckis dirigiert, zusammen mit dem Litauischen Kammerorchester,
das die Weltpremiere vom gleichen Werk im April 1985 aufgeführt hatte.
Schnittke war damals als Cembalist in diesem Orchester, das erste Mal in
der Lage gewesen, 1977 in den Westen zu reisen, und wir waren alle sehr
aufgeregt, Gerüchte zu hören, das Schnittke persönlich unser
Konzert in Luzern besuchen würde.
Zu unserer
riesigen Freude kam er in der Tat mit seiner Frau und redete anschließend
lange mit uns. Seine Musik unter seiner Anwesenheit zu spielen, war einer
der besonderen Momente meines Lebens.
Im Herbst
1993 wurde ich von dem Komponisten Paul Patterson angesprochen. Sein Ziel
war es, ein Festival mit Schnittkes Musik an der Londoner Royal Academy of
Musik zu planen (wo ich zu dem Zeitpunkt auch studierte). Der Anlaß
dafür war der 60ste Geburtstag von Schnittke. Patterson hatte von meiner
Bekanntschaft mit Schnittke gehört und fragte, ob es einen Weg gäbe,
den Komponisten zu überreden, persönlich zum Festival zu kommen,
welches im März 1994 stattfinden sollte. Die Idee war, daß ich
als Vermittler und Übersetzer wirken würde.
Zurück
in Hamburg zum Violinenunterricht bei Zakhar Bron, besuchte ich Schnittke
wieder. Er war über die Einladung hocherfreut und erstaunt, daß
die Royal Academy vorhatte, 22 seiner Werke aufzuführen. Er bejahte
die Einladung, anwesend in London zu sein, aber unter zwei Bedingungen: zuerst
wollte er im Luxus-Hotel Westbury wohnen, außerdem wollte
er, daß zwei weitere Komponisten zum Festival eingeladen
werden sollten, die auch ihre Werke aufführen sollten. Diese Komponisten
waren Vassily Lobanov und Alemdar Karamanov. Karamanov war mir zu diesem
Zeitpunkt unbekannt, aber Lobanov kannte ich als einen hervorragenden Pianisten,
der unter anderem mit dem großen russischen Violinisten Oleg Kagan
viele Konzerte gegeben hatte. Schnittke konnte mir jedoch nicht sagen, wie
oder wo ich diese zwei Komponisten finden könnte!
Ein Zimmer
im Westbury Hotel zu buchen war kein Problem. Aber ich war unsicher wie Paul
Pattersons Antwort darauf sein würde, zwei weitere Komponisten einzuladen,
zu einer, im Grunde genommen, one-man-show! Wie ich geahnt hatte
stieß ich auf beträchtlichen Widerstand, aber Schnittke war
beharrlich, sagend, daß Karamanov den größten Einfluß
auf ihn hatte, und daß beide Männer einfach dort sein
müßten. Nicht wissend, wo beginnen sollte, bat ich die Komponisten
Gerard McBurney und Viktor Suslin telefonisch um Hilfe. So war ich nun in
der Lage, beide Komponisten ausfindig zu machen.
Die Aufgabe
Lobanov zu finden war relativ leicht, da er in Saarbrücken lebte; aber
Karamanov war irgendwo in Rußland, nachdem ihm nie erlaubt
wurde, in den Westen zu reisen. Nach stundenlangen Telefongesprächen
wurde es mir möglich Karamanov zum Festival zu bringen. Auf Schnittkes
Wunsch sollte ich Werke für Violine und Klavier von Karamanov (das erste
Mal, daß seine Musik im Westen aufgeführt werden sollte), sowie
die Sonate für Geige und Klavier von Vassily Lobanov - mit dem
Komponisten am Klavier - aufführen.
In letzter
Minute verschlechterte sich Schnittkes Gesundheit wieder. Nach einer
Aufführung seiner siebten Sinfonie in New York mit dem New York Philharmonic
Orchestra unter Kurt Masur, fiel Schnittke in eine Schneewehe und verletzte
sich heftig. Am nächsten Morgen war es ihm nicht mehr möglich zu
gehen. Beim zurückkehren nach Hamburg sagte er Reisen nach Leipzig,
Japan, Aspen, Tanglewood, Sante Fe und endgültig auch London ab. Laut
Alexander Ivashkin bedauerte er es am meisten, London zu
versäumen.
Mein letztes
Telefongespräch mit Schnittke war im April 1994. Ich rief ihn an, um
ihm den Erfolg des Festivals mitzuteilen. Er war sehr erfreut, dieses zu
hören - und daß Karamanov die Chance schließlich bekommen
hatte, den Westen endlich zu besuchen. Er war allerdings sehr verärgert,
daß der BBC Dokumentarfilm von Donald Sturrock über sein Leben,
trotz seiner anhaltenden Versuche es zu stoppen, doch gezeigt worden war.
Später besuchte ich ihn zum letzten Mal und brachte ihm verschiedene
BBC-Mitschnitte vom Festival, wie auch den internationale Beifall, den seine
Konzerte ausgelöst hatten. Ein handgeschrieber Brief von Karamanov war
auch dabei.
Einen Monat
später, am 5.Juni erlitt Schnittke seinen dritten Schlaganfall. Dieses
Mal war er sehr viel schwerwiegender, mit einer sehr langsamen Rehabilitation.
Während der nächsten vier Jahre war seine Erholung minimal, wie
meine zufälligen Begegnungen mit Irina Schnittke im Hamburg-Eppendorf
bestätigten. Während ich diese Zeilen schreibe, erreichen mich
schon wieder Nachrichten von Schnittkes Tod. Dieses Mal war es leider keine
Übertreibung.
Ich werde
konstant nach zwei Dingen gefragt. Erstens, Schnittke in einigen Worten zu
beschreiben. Es würde diesem großen Komponisten jedoch nie gerecht
werden. Zweitens, ob sich seine Musik in der Zukunft halten kann, und wie
sie die nachfolgenden Generationen betrachten werden. Zu diesem Thema bevorzuge
ich, auf Schnittkes wunderbares eigenes Zitat zurückzugreifen:
Wie wichtig es ist, sich
selber zu kennen! Es gibt enorme Mächte, die in jeder Person lauern,
aber viele Leute sterben, ohne diese entdeckt zu haben. Natürlich war
es klar, daß Mozart ein Genie war. Aber wir wissen nicht, ob irgend
jemand die großen Talente des jungen Wagners vorher sah. Niemand konnte
eine Zukunft für den jungen Tchaikovsky garantieren; und es war
Rimsky-Korsakov, der Stravinsky verdächtigte, ein äußerst
erbärmliches Ohr zu haben. Scheinbar reift Talent nach seinen eigenen
Regeln, die niemand kennt. Das ist, warum das Aufkommen von Talent immer
aufallend ist, ... ....
Meiner Meinung
nach, gibt es kein Talent in der zeitgenössischen Musik, das so auffallend
ist wie jenes von Alfred Schnittke.
Daniel Hope, August 1998
Kritiken
Westdeutsche Zeitung, 2.Juni 2001
" Mit zwei weiteren
Entdeckungen eröffnete das hochkarätige Concerto Köln am
Donnerstag das neue Musikfestival in
Kempen.
Im Zentrum stand jedoch Beethovens Violinkonzert mit
Daniel Hope,
halbumzingelt von den Spitzen-Stehgeigern des Kölner Ensembles. Was
der britische Hope aus dem allzu bekannten "Concerto aus D" machte, es gleichsam
säuselnd in der Luft zelebrierte oder beinahe bäuerlichen Schwung
aus den f-Löchern spritzte, dass es eine Wonne war, grenzte ans
Unglaubliche. Atemberaubend die Spannung.....Geheimnisvoll, nicht
waschmitteltrommlig klangen die wie weiland zu Zeiten des 'Ludwig van' mit
Schweinsleder bespannten Pauken, bevor Hope selbst in die Saiten griff.......mit
rotwalliger Mähne stachelte er auch bei den Tuttipassagen die Musiker
zu Höchstleistungen an. Die zurückhaltende Zappeligkeit........tat
dem oft malträtierten Violinkonzert gut. Dann die postmoderne, da aus
vielerlei Versatzstücken zusammengebastelte Kadenz: Beethovens eigene
für seine Klaviertranskription webte sich wie ein roter Teppich durch
die eigenartige Textur, durchpflügt von Elementen aus Wolfgang Schneiderhans
Kadenz, einem Quentchen Kreisleriana, Schnittke mit seinen herrlichen Reibungen
von e und es, die sich an den Grundton d anschmiegen, schließlich -
genug der Cluster -allerlei Beethoven-Zitaten: Aus der Sturm-Sonate und dem
Fünften Klavierkonzert bediente sich Hope hemmungslos. Alles in lockerer,
aber irgendwie logischer Folge gefügt - einfach genial. Atemberaubend
schnell tänzelte er voller Spielfreude ins Finale hinein. So ballettartig,
à la sicilienne hat man diesen Schlußsatz noch nie gehört,
dabei voller Brio. Beethoven wären die Hörrohre aus dem Trichter
gefallen.
Hope - nomen est omen -, der Hoffnungsträger der jungen Geigenelite:
Bei seinem Piano vermeint man langsam, aber sicher auf Wolke Sieben zu schweben."
Tobias v.d. Locht
Schicken Sie mir eine Mail!
14. Juli 1932
Menuhin mit Elgar bei den Aufnahmen
des Violinkonzertes. |
"Alfred
Schnittke" von Alexander Ivashkin wird von Phaidon Press, London
herausgegeben -
DM
36,32
Mstislav und Galina
Rostropowitsch -
DM
16,80
Homage an Yehudi Menuhin
zum 70. Geburtstag -
DM
29,-
Menuhin: Unvollendete
Reise
Die Geschichte dieser geradezu
fabulösen Künstlerkarriere ist den Enthusiasten bekannt: seine
Konzerte unter Toscanini, Busch, Bruno Walter und Furtwängler, seine
Begegnungen mit Bartók und Enesco, seine Freundschaft mit Oistrach
und Casals, seine Tourneen mit Benjamin Britten, Wilhelm Kempf, Gerald Moore
und Schwester Hephzibah, seine Zusammenarbeit mit Karajan, Edmond de Stoutz
und Pierre Boulez... -
DM
24,90
Menuhin: Unterwegs -
Erinnerungen 1976 - 1995, die Fortsetzung -
DM
16,90 |
© clockwork.de |