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Kalle
Burmester zum Tode von Alfred
Schnittke |
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"Du schläfst,
damit du aufwachst -
du stirbst, damit die
lebst."
Es geschah
keineswegs aus heiterem Himmel und doch schockte es mich, als ich
am 3. August hörte, daß Alfred Schnittke gestorben ist. Ich hatte
ihn nur für einige paar Stunden erlebt und wußte, der dritte
Schlaganfall 1996 war der folgenschwerste, aber irgendwie hatte ich geglaubt,
dieser Mann würde es schaffen, dem Tod ein drittes Mal von der Schippe
zu springen. Schnittke hat es nicht gekonnt. Mir aber schwirrt er seitdem
umso lebhafter durch den Kopf, so wie ich ihn 1988 kennengelernt hatte: als
ein zwar gebrechlicher, aber wacher, weltoffener Mann mit seinem eigenwilligen
Wortwitz und einem Lächeln, daß (wenn's denn einmal da war) so
ansteckend leuchten konnte, wie man das nur von Kindern kennt.
Der 1934 geborene
Schnittke war ein von inneren wie äußeren Widersprüchen
geprägter, aber vom Prinzip Hoffnung durchdrungener Schmerzensmann,
der "zwischen den Stühlen" lebte: als gebürtiger Wolgadeutscher
mit russischem Paß, der Vater jüdischer Atheist, die Mutter
Katholikin; als Künstler in der Sowjetunion totgeschwiegen, lebte er
bis in die 80er von Filmmusiken. Diese Zerrissenheit hat ihn »jahrelang
gequält. Irgendwann aber«, so meinte er ohne jede Larmoyanz,
»habe ich verstanden: Es wird keine reale Lösung geben, die ist
unmöglich. Das hat mich ein bißchen beruhigt.«
Im Musikalischen
hat Schnittke die Verwerfungen seiner Vita überhöhen können:
Seine Kompositionen sind Klangmetaphern für Verlorenheit und Verwirrung,
aber auch für eine Steh-auf-Männchen-Mentalität im
kunterbunt-multikulturellen »Global Village« des zu Ende gehenden
2. Jahrtausends. Dies gilt vor allem für jene Werke, für die Schnittke
selbst den Begriff »Polystilismus« geprägt hat. Zunächst
hatte er sich die Techniken der Avantgarde zu eigen gemacht inklusive
jener »unvermeidlichen Männlichkeitsbeweise der seriellen
Selbstverleugnung«. Ende der 60er wagte er dann den Sprung über
das intellektuell Faßbare hinaus ins Intuitive: »Ich komponiere
keine Musik, ich höre Musik, die bereits außerhalb meiner selbst
da ist«, so beschrieb er fortan sein mediales Tun, bei dem ohne
Ansehen von Rang und Herkunft verschiedenste Stile und Epochen in
einem energetisch pulsierendes Wechselspiel mitmischten. Diese postmoderne
»Polystilistik« ist oft mißverstanden worden als Akt plakativer
Respektlosigkeit. Aber der Russe war nie ein Clown oder gar Rabauke: »Ich
will keinem die Zunge herausstrecken«, korrigierte er alle, die ihn
als Revoluzzer verehrten. Schnittke verstand sein inneres Ohr als Nadelöhr
für die ganze, so vielfältige Welt. Auch wenn sein Verstand ihn
beim Komponieren nicht stören sollte, war er sich über sein Tun
durchaus bewußt: »Ich kopiere nicht, ich fälsche
Antiquitäten«, betonte er und das nicht aus Koketterie,
sondern aus mißtrauischer Distanz: Bei Schnittke droht den scheinbar
heilen »antiken« Musikwelten stets baldiger Verfall: »Nach
wenigen Minuten explodiert das Museum und wir stehen mit den Brocken der
Vergangenheit vor der gefährlichen und unsicheren Gegenwart«.
Hintersinnig nennt er die Scheinzitate auch »geschminckte Leichen«.
Die Erkenntnis ist klar: Die Rezepte von gestern taugen nicht zur Lösung
der Probleme von heute. Visionen für die Zukunft konnte Alfred Schnittke
nicht mehr kreieren, aber es ist sein großes Verdienst, eine zentrale
Illusion unserer Zeit die der "Flucht vor der Gegenwart in die
Vergangenheit" so rücksichtslos ehrlich entlarvt zu haben.
Kalle
Burmester
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