Als meine Mutter
1972 starb, hatte ich mir vorgenommen, ein Stück zu schreiben. Ich
komponierte den ersten Satz, und hatte dann Schwierigkeiten. Über viele
Jahre konnte ich das Stück nicht weiterführen, weil ich versuchte,
es rein konstruktiv aufzubauen Es gab eine Menge Varianten und Skizzen.
Und dann, Anfang 1976, ist es weitergegangen, als ich den zweiten Satz fand,
diesen B-A-C-H-Walzer. Bis dahin ging es nicht. Es gab einen Plan, ein ganzes
Requiem, ein lateinisches Requiem als Weiterführung einzubauen. Rein
instrumental. Ich habe zu den entsprechenden lateinischen Texten alle Themen
komponiert und versuchte - nachdem die Themen da waren -, dies instrumental
auszubauen. Das ging nicht, weil die Themen eigentlich nicht instrumental
waren, da sie zu den Texten komponiert worden waren. So habe ich dann, noch
vor Beendigung des Quintetts, 1975 mit diesen Themen ein vokalinstrumentales
Requiem geschrieben. Es ist sozusagen ein Zweig von diesem Stück geworden.
Aber es besteht selbständig. Und dann hatte ich eine Menge konstruktiver
Pläne: Im vierten Satz, da ist ja alles auf nur einem Akkord aufgebaut,
der symmetrisch ist. Er besteht aus Tönen, die sich aus den
Anfangsbuchstaben der Familiennamen des Borodin-Quartetts ergaben, das ein
Quintett bei mir bestellt hatte, und dem Namen der Frau des Primarius, Ljuba
Edlina.
Ich dachte, daß das ganze Stück
auch durch dieses musikalische Monogramm irgendwie gelenkt werden sollte.
Und das wollte nicht gehen. Ich habe mich jahrelanh bemüht, es gab da
ganz ausgearbeitete Fugensätze und alles mögliche. Es gab auch
eine ganz andere Weiterführung, motorisch und überhaupt nicht
konstruktiv, doch es ging auch nicht. Also es wollte auf keinem dieser Wege
gehen.
Und dann, als ich zu dem Walzer kam,
der auch schon fertig war - er war ursprünglich als Musik zu Puschkins
"Eugen Onegin" komponiert, ein melancholischer Walzer - : auf einmal paßte
das irgendwie zusammen, und ich hatte die Möglichkeit, das Stück
weiterzuführen.
Bei diesem Werk handelt es sich um eine
Gedenkkomposition schlichter und gleichzeitig ernster Prägung. Beinahe
mühelos ging es nicht weiter, denn ich mußte das, was ich schrieb,
aus imaginären Klangräumen (wo alles schon bodenlos war, auch das
Dissonieren) in einen psychologisch realen Lebensraum führen, wo
quälender Schmerz fast unernst wirkt, und das Recht auf Dissonieren,
Konsonieren und Assonieren erst erkämpft werden muß.
Es gab eine Menge Varianten und
Entwürfe, die zum Teil in der Schattenwelt der unrealisierten Skizzen
begraben blieben, während andere später weiter ausgearbeitet wurden.
So entstand noch während der Arbeit am Quintett aus nicht verwendetem
Material eine selbständige Requiem-Komposition.
Erst 1976 ging es voran, nachdem ich
den zweiten Satz gefunden hatte: einen B-A-C-H-Walzer. Ich mußte allerdings
Schnittstellen suchen zwischen diesem geisterhaften Walzer (der immerzu
in trauriges Meditieren umschlägt) und dem stets wiederkehrenden
Einbrechen von realer Tragik in diese meditative Abgeklärtheit. Die
Lösung fand ich erst nach 3 Jahren. Doch inzwischen hatte ich mich
während der Lösungsversuche für mein Quintett so verändert,
daß ich es jetzt stärker erlebte, als daß ich es komponierte.
Aber schließlich gelang auch dieser zweite Satz. Der dritte und vierte
Satz gehen von realen Trauersituationen aus, über die ich mich nicht
weiter äußern möchte, da sie sehr persönlicher Natur
sind und durch Worte entwertet werden können. Der fünfte Satz
schließlich ist eine gespiegelte Passacaglia, deren Thema sich viezehnmal
wiederholt, während alle anderen Klangereignisse nur Schattenreste einer
bereits entschwundenen tragischen Empfindung ist.
Als Gennadi Roschdestwenski das
Klavierquintett hörte, wollte er es sofort als Orchesterwerk haben.
Die Lösung fand ich (bei gleichzeitigem Festhalten an der
ursprünglichen Funktion der Streicher) den Klavierklang in Klänge
von Bläsern und Schlagzeug umdeutete. Die Uraufführung fand im
Dezember 1979 in Moskau mit den Moskauer Philharmonikern unter Gennadi
Roschdestwenski statt.
(Alfred Schnittke)
siehe
auch Frans C. Lemaire: Tod einer Mutter
Sonate No. 2 für
Violine und Klavier
Das Stück ist
eine Art Grenzfall der Sonatenform. Sie wird in Frage gestellt und scheint
nicht zustande zu kommen und - da ist die Sonate schon zu Ende. Es ist
so wie in Fellinis Film "8 1/2", der eigentlich nur eine Erzählung
darüber ist, wie schwierig und unmöglich es ist, diesen Film zu
machen. Und der wird auch nicht gemacht, doch inzwischen ist der Film schon
entstanden. So ähnlich war für mich dieses Stück.
Die Sonate beginnt mit einem lauten und
kurzen g-moll-Dreiklang. Das war für mich damals - im Jahre 1968
- sehr wichtig. Es war das erste ganz neu konzipierte Stück nach einer
langen Zeit nur serieller Musik. Auf einmal mußte ich dieses Stück
schreiben, ohne konstruktive Regeln. Es war sozusagen eine Meuterei gegen
alles andere. Zwischen diesem Dreiklang und einem dissonierenden Violinakkord
gibt es ein kontinuierliches Wechselspiel, das sich immer mehr verwirrt:
das Stück scheint zu stammeln. Und dann kommt plötzlich das B-A-C-H,
transponiert zuerst, aber am Ende tritt es deutlich als die Lösung hervor.
Die Lösung besteht darin, daß nichts gelöst wird: es bleibt
beides (der traditionelle Dreiklang und die Klänge atonaler Ordnung)
erhalten als kontrastierende Elemente, die sich im Gleichgewicht
gegenüberstehen. Hier probierte ich zum ersten Mal eine polystilistische
Schreibweise aus, die dann viele meiner späteren Werke bestimmen sollte.
Polystilistik ist für mich eine bewußte Ausspielung der
Stilunterschiede,wodurch ein neuer musikalischer Raum entsteht und eine
dynamische Formgestaltung wieder ermöglicht wird, die durch Überholung
des tonalen Denkens im Laufe der Avantgarde-Entwicklung unmöglich geworden
war.
Gleichzeitig wird in 'Quasi una Sonata'
die Sonatenform in Frage gestellt: sie wird aufgebaut, indem sie dabei
zusammenfällt - es ist ein Bericht über die Unmöglichkeit
der Sonate in Form einer Sonate (später schrieb ich auch eine ähnliche
Un-Sinfonie). Darum gibt es auch keine regelrechten Tempoangaben für
die drei ineinander übergehenden Sätze.
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