Fragment eines Essays
Das erste Mal hörte
ich den Namen Schnittke von einer estnischen Musikjournalistin. Sie war der
Meinung, daß ich mir unbedingt ein Werk von ihr anschauen
müßte. Schon damals - noch als Student des Konservatoriums - war
ich auf alles Neue scharf, besorgte mir deshalb die Noten der 2. Geigensonate
"QUASI UNA SONATA" und beschloß, das Werk ins Programm des kommenden
Recitals aufzunehmen. Nach Möglichkeit wollte ich auch den Komponisten
kennenlernen. Der erste Besuch war freundlich, sachlich, versprach noch nicht
zu viel. Zum Abschluß schenkte mir Schnittke die Partitur des 2.
Violinkonzertes (ein Werk der sechziger Jahre - aus der gleichen Schaffensperiode
wie die Sonate) mit der Aufschrift: "G.K. mit der Hoffnung, irgendwann auch
eine meiner Kompositionen von ihm zu hören...". Wer wußte damals,
daß sich dieser Besuch, diese Widmung in eine jetzt schon über
zwanzig Jahre dauernde Freundschaft, die bis heute auch noch kreativ bleibt,
verwandeln würde ...
Doch schon mit dem ersten gespielten
Werk - der Sonate - gab es Schwierigkeiten. Ich war zwar Sieger des
Tschaikowsky-Wettbewerbs und konnte meistens meine Programmentscheidungen
selber treffen. Der Komponist Schnittke war jedoch zu dieser Zeit im Lande
der politischen Kunst- und Musikbehandlung sehr umstritten. Die extrovertierten,
agressiven Töne (hinter denen das Atmen und die Verletzlichkeit des
tief verborgenen Innenlebens dieses Schaffenden lagen) wurden a priori als
'avantgardistisch' abgestempelt. Vor dem wahren 'Realismus' dieser
Musik hatte man Angst ... Sie war aber - wie diejenige des oft sehr sarkastischen
Schostakowitsch - viel tiefer, durchbohrender, ausdrucksvoller in der
Beschreibung des aktuell-hysterisch-historischen Doppellebens,
Doppelbewußtseins als viele gepriesene Werke des sogenannten
'Sozialistischen (sprich utopisch auf die kommunistische Idee projezierenden)
Realismus'. Dieser letztgenannte Begriff -sozusagen 'die
Fälschung' - wurde schon seit Jahrzehnten hochgelobt. Jeder Versuch,
ihn in Frage zu stellen, galt als gefährliche Tendenz westlicher
Einflüsse. (Warum vom Westen immer das Negative erwartet und
unterdrückt werden mußte, erklärt heute die Neuschreibung
- siehe Orwell - der Geschichte in Rußland am besten). Ja, es stimmt,
auch Schnittke ließ sich 'reformieren', und ein Werk wie die
Sinfonia von Berio war sicher auch für seine Erste Sinfonie
- dem Stiefkind der siebziger Jahre- von großer Bedeutung. Aber
dieser weitere, offenere Blick in die Welt ermöglichte ihm das
'Werden' (nicht nur ihm - ich glaube, auch Gubaidulina, Dennisow,
Silwestrow - alle profitierten davon) zu einer Zeit, wo andere sich den Regeln
und der Bequemlichkeit eines engen Denkens unterwarfen. Die öffentliche
Herausforderung führte auch ungewollt bei bescheidenen Seelen, zu denen
Künstler wie Alfred Schnittke, Arvo Pärt oder Sofia Gubaidulina
gehörten, leicht zu Dissidententum. (Dabei ist nicht zu vergessen, daß
unter den Dissidenten sich auch Charaktere profilierten, die mit ihrer
Stellungnahme politische Figuren wurden und daraus einen Beruf machten.)
Schostakowitsch, damals schon am Ende
seiner physischen, sicher nicht der geistigen Kräfte, stand abseits,
in sich selber zurückgezogen. Die Isolation (auch wenn der Name weiterhin
politisch-symbolisch stark vom System ausgenutzt würde), das Vereinsamen
führte zu der vielleicht wertvollsten Schaffensperiode eines der
größten Komponisten unseres Jahrhunderts. Dieser nackte und nicht
mehr zu maskierende Schmerz zeugte in seinen Werken von größerer
Würde, als man es von einem der durch 'Feuer und Flamme' gegangenen
und mit vielen Pseudo - Reden belasteten Opfer des Systems hätte vermuten
können. Schostakowitschs Treue seinem Schaffen gegenüber ist vielleicht
in bestimmten Bereichen derjenigen Furtwänglers identisch ... Das ist
aber ein Thema für sich.
Wir sollten zurück zu Schnittke
kommen (für Schostakowitsch sicher - auf dem Niveau des Geistes - so
etwas wie eine 'Vaterfigur' war). Die sich ständig wiederholende Referenz
'D.D.' (so nannten in Rußland viele Schostakowitsch - Dmitri
- Dmitrijewitsch) war für ihn mindestensein oft benutzter Begriff,
eine Art Symbol, mit dem man konfrontiert wurde, das man nicht umgehen konnte
und das, ob in der Handlungsweise oder im Komponieren, ständig ein'Pro'
oder 'Kontra' forderte...
Meine Entscheidung fällt, - wir
spielen Sonate und setzen sie auf unser Tourneeprogramm. Kurz danach trifft
ein Telegramm ein, in dem wörtlich steht: Schnittke brauchen wir
nicht. Schlage stattdessen Beethoven vor. Unterschrieben: Schweinik,
Direktor der Lettischen Philharmonie. Ausgerechnet in meiner Heimatstadt
solte ich Schnittke nicht spielen dürfen? Nun war (und bin) ich in solchen
Fällen nicht ganz einfach umzustimmen und suchte nach dem geeigneten
Mittel, auf den konservativen Schweinik einzuwirken. War es die Drohung,
das Konzert abzusagen, oder die Idee, den Komponistenverband, dessen Mitglied
Schnittke ja schließlich war, einzuschalten? Ich weiß es nicht
mehr, aber die Aufführung fand statt. Es folgten viele andere. Mehr
und mehr Publikum ließ sich von Alfreds Musik begeistern. Das konnte
man aber nicht von den Behörden sagen. Sie sorgten weiterhin für
Hindernisse.
Doch in den nächsten zwei Jahrzehnten
hatte die ganze Welt etwas zu lernen, was seine Freunde schon immer wußten,
nämlich: Daß wir alle Alfred Schnittke und sein Werk "brauchen",
Tag für Tag mehr...
Gidon Kremer
Die Briefe und Bilder sind dem Band: Alfred
Schnittke zum 60. Geburtstag, Eine Festschrift
entnommen.
1995. 320 S. m. 68 Fotos Faks. u. Notenbeisp.
Verlag: Sikorski, ISBN-NR:
3920880536
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