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alfred schnittke

Leben
Gidon Kremer

kremer

Fragment eines Essays

Das erste Mal hörte ich den Namen Schnittke von einer estnischen Musikjournalistin. Sie war der Meinung, daß ich mir unbedingt ein Werk von ihr anschauen müßte. Schon damals - noch als Student des Konservatoriums - war ich auf alles Neue scharf, besorgte mir deshalb die Noten der 2. Geigensonate "QUASI UNA SONATA" und beschloß, das Werk ins Programm des kommenden Recitals aufzunehmen. Nach Möglichkeit wollte ich auch den Komponisten kennenlernen. Der erste Besuch war freundlich, sachlich, versprach noch nicht zu viel. Zum Abschluß schenkte mir Schnittke die Partitur des 2. Violinkonzertes (ein Werk der sechziger Jahre - aus der gleichen Schaffensperiode wie die Sonate) mit der Aufschrift: "G.K. mit der Hoffnung, irgendwann auch eine meiner Kompositionen von ihm zu hören...". Wer wußte damals, daß sich dieser Besuch, diese Widmung in eine jetzt schon über zwanzig Jahre dauernde Freundschaft, die bis heute auch noch kreativ bleibt, verwandeln würde ...

Doch schon mit dem ersten gespielten Werk - der Sonate - gab es Schwierigkeiten. Ich war zwar Sieger des Tschaikowsky-Wettbewerbs und konnte meistens meine Programmentscheidungen selber treffen. Der Komponist Schnittke war jedoch zu dieser Zeit im Lande der politischen Kunst- und Musikbehandlung sehr umstritten. Die extrovertierten, agressiven Töne (hinter denen das Atmen und die Verletzlichkeit des tief verborgenen Innenlebens dieses Schaffenden lagen) wurden a priori als 'avantgardistisch' abgestempelt. Vor dem wahren 'Realismus' dieser Musik hatte man Angst ... Sie war aber - wie diejenige des oft sehr sarkastischen Schostakowitsch - viel tiefer, durchbohrender, ausdrucksvoller in der Beschreibung des aktuell-hysterisch-historischen Doppellebens, Doppelbewußtseins als viele gepriesene Werke des sogenannten 'Sozialistischen (sprich utopisch auf die kommunistische Idee projezierenden) Realismus'. Dieser letztgenannte Begriff -sozusagen 'die Fälschung' - wurde schon seit Jahrzehnten hochgelobt. Jeder Versuch, ihn in Frage zu stellen, galt als gefährliche Tendenz westlicher Einflüsse. (Warum vom Westen immer das Negative erwartet und unterdrückt werden mußte, erklärt heute die Neuschreibung - siehe Orwell - der Geschichte in Rußland am besten). Ja, es stimmt, auch Schnittke ließ sich 'reformieren', und ein Werk wie die Sinfonia von Berio war sicher auch für seine Erste Sinfonie - dem Stiefkind der siebziger Jahre- von großer Bedeutung. Aber dieser weitere, offenere Blick in die Welt ermöglichte ihm das 'Werden' (nicht nur ihm - ich glaube, auch Gubaidulina, Dennisow, Silwestrow - alle profitierten davon) zu einer Zeit, wo andere sich den Regeln und der Bequemlichkeit eines engen Denkens unterwarfen. Die öffentliche Herausforderung führte auch ungewollt bei bescheidenen Seelen, zu denen Künstler wie Alfred Schnittke, Arvo Pärt oder Sofia Gubaidulina gehörten, leicht zu Dissidententum. (Dabei ist nicht zu vergessen, daß unter den Dissidenten sich auch Charaktere profilierten, die mit ihrer Stellungnahme politische Figuren wurden und daraus einen Beruf machten.)

Schostakowitsch, damals schon am Ende seiner physischen, sicher nicht der geistigen Kräfte, stand abseits, in sich selber zurückgezogen. Die Isolation (auch wenn der Name weiterhin politisch-symbolisch stark vom System ausgenutzt würde), das Vereinsamen führte zu der vielleicht wertvollsten Schaffensperiode eines der größten Komponisten unseres Jahrhunderts. Dieser nackte und nicht mehr zu maskierende Schmerz zeugte in seinen Werken von größerer Würde, als man es von einem der durch 'Feuer und Flamme' gegangenen und mit vielen Pseudo - Reden belasteten Opfer des Systems hätte vermuten können. Schostakowitschs Treue seinem Schaffen gegenüber ist vielleicht in bestimmten Bereichen derjenigen Furtwänglers identisch ... Das ist aber ein Thema für sich.

Wir sollten zurück zu Schnittke kommen (für Schostakowitsch sicher - auf dem Niveau des Geistes - so etwas wie eine 'Vaterfigur' war). Die sich ständig wiederholende Referenz 'D.D.' (so nannten in Rußland viele Schostakowitsch - Dmitri - Dmitrijewitsch) war für ihn mindestensein oft benutzter Begriff, eine Art Symbol, mit dem man konfrontiert wurde, das man nicht umgehen konnte und das, ob in der Handlungsweise oder im Komponieren, ständig ein'Pro' oder 'Kontra' forderte...

Meine Entscheidung fällt, - wir spielen Sonate und setzen sie auf unser Tourneeprogramm. Kurz danach trifft ein Telegramm ein, in dem wörtlich steht: Schnittke brauchen wir nicht. Schlage stattdessen Beethoven vor. Unterschrieben: Schweinik, Direktor der Lettischen Philharmonie. Ausgerechnet in meiner Heimatstadt solte ich Schnittke nicht spielen dürfen? Nun war (und bin) ich in solchen Fällen nicht ganz einfach umzustimmen und suchte nach dem geeigneten Mittel, auf den konservativen Schweinik einzuwirken. War es die Drohung, das Konzert abzusagen, oder die Idee, den Komponistenverband, dessen Mitglied Schnittke ja schließlich war, einzuschalten? Ich weiß es nicht mehr, aber die Aufführung fand statt. Es folgten viele andere. Mehr und mehr Publikum ließ sich von Alfreds Musik begeistern. Das konnte man aber nicht von den Behörden sagen. Sie sorgten weiterhin für Hindernisse.

Doch in den nächsten zwei Jahrzehnten hatte die ganze Welt etwas zu lernen, was seine Freunde schon immer wußten, nämlich: Daß wir alle Alfred Schnittke und sein Werk "brauchen", Tag für Tag mehr...

Gidon Kremer

gidon kremer

Die Briefe und Bilder sind dem Band: Alfred Schnittke zum 60. Geburtstag, Eine Festschrift
entnommen. 1995. 320 S. m. 68 Fotos Faks. u. Notenbeisp. Verlag: Sikorski, ISBN-NR: 3920880536

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