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alfred schnittke

Leben
Frans C. Lemaire

Tod einer Mutter - zum Klavierquintett von Alfred Schnittke

Anläßlich eines in Hamburg 1991 geführten Gespräches, erzählte uns Alfred Schnittke, daß seine Musik von seiner Mutter Maria Vogel kaum geschätzt wurde, zu modern für ihren Geschmack. Nach ihrem plötzlichen Tod in der Nacht vom 16. zu 17. Oktober 1972 begann er mit der Komposition des Klavierquintetts, das erst 1976 nach einer langen Arbeitsphase vollendet wurde. Eine der Schwierigkeiten entsprang der Sorge, dem Werk eine möglichst klare Struktur zu geben, eine Sprache die die Mutter verstehen und die ihr auf Anhieb gefallen hätte. Nach rascher Fertigstellung eines 1. Satzes stagnierte die Arbeit. Zahlreiche Entwürfe wurden verworfen oder in anderen Werken benutzt, namentlich im Requiem von 1975. Erst 1976 wurde eine Lösung für den 2. Satz gefunden. Schließlich wurde das Werk durch zwei weitere Sätze und eine überraschende Passacaglia vervollständigt, in der die lang gesuchte Einfachheit ihre Verwirklichung fand.

Wer hat nicht nach dem Tod der Mutter den schweren Verlust einer Zwiesprache empfunden, die auf immer unterbrochen ist? Wer kennt nicht das Bedauern beim Gedanken an nicht geführte Gespräche? Vielleicht findet dieses Klavierquintett deshalb ein so starkes Echo und wurde zu einem der meist aufgeführten Kammermusikwerke der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Mehrfach dazu aufgefordert, das Werk für Programmtexte oder als Konzerteinführung zu kommentieren, haben wir (ausgehend von Äußerungen des Komponisten) eine Deutung erarbeitet, die - Schritt für Schritt der Partitur folgend - sich bemüht, den objektiven  Elementen der Analyse die subjektiven Gefühle zuzuordnen, die das Wesen dieses ergreifenden Dialoges, der über die Grenze des Todes hinausgeht, ausmachen.

Der erste Satz 'Moderato' beginnt mit einem äußerst eng geführten Fünfton-Motiv. Tatsächlich wird die erste von der fünften Note lediglich durch eine Umspielung in vier Halbtonschritten getrennt:

Solche chromatischen Keimzellen mit ihrer typischen Expressivität sind uns wohlbekannt. Zahlreiche Varianten finden sich in der Musik vergangener Jahrhunderte, namentlich bei Heinrich Schütz, der ein ähnliches Motiv in DIE SIEBEN WORTE JESU CHRISTI AM KREUZ auf die Worte "Mich dürstet" benutzt:

Sofia Gubaidulina machte daraus das Hauptthema ihrer eigenen Komposition der SIEBEN WORTE aus dem Jahr 1982. Wir begegnet hier also dem, was Schnittke ein Scheinzitat nennt und damit eine musikalische Erfahrung wiederbelebt, deren emotionaler Gehalt für jeden unmittelbar wahrnehmbar ist. Diese musikalische Zelle wird in meditativer, schmerzerfüllter Stimmung mehrmals vom Klavier vorgetragen, dann von den Streichern (in der Folge: non vibrato, poco vibrato und vibrato) aufgenommen. Diese Ausdruckssteigerung schwingt auf der Note gis aus, die 96mal im Diskantbereich des Klaviers bis zum klanglichen Erlöschen repetiert wird. (In der Partitur findet man für die letzten beiden Takte die Anweisung: Tonlos, fast nur Tastengeräusch). Ein immer schwächer werdendes 'Atmen' evozierend, entsteht das Bild des allmählich verlöschenden Lebenslichtes.

Gleichzeitig spielen die Streicher das Hauptmotiv, dessen Intervalle jedoch auf Vierteltöne reduziert sind, wie von einer immer beklemmender werdenden Todesangst eingeschnürt. Es schien sehr schwer, in der Erinnerung des tragischen Geschehens noch weiter zu gehen, und Schnittke fand sich der Schwierigkeit gegenübergestellt, ein Werk fortzuführen, welches bereits alles gesagt zu haben schien.

Nach jahrelanger Suche enstand die Lösung erst 1976 in Form eines 2. Satzes 'In tempo di Valse', der thematisch auf dem musikalischen Monogrammm B-A-C-H beruht. Deutlich an den Schmerz der Erinnerung gemahnend, ist dieses aus vier Noten bestehende chromatische Motiv nach Schnittkes eigenen Worten gleichzeitig ein 'geheimnisvoller Walzer' und eine 'traurige Meditation'. Ohne Zweifel waren Walzer eine Musikform, die der Mutter des Komponisten sehr gefiel.

Andererseits beschwören sie die Kinderjahre des Komponisten in Wien (1946-48), in deren Verlauf er die Musik entdeckte, besonders die von J.S. Bach, die so oft in dem der Wohnung in der Riemergasse nahegelegenen Stephansdom zu hören war.

Während sich in den Streichern die Vierteltöne verdichten, besonders in den zahlreichen Trillern des 'Più mosso' im Trio, fungiert das Klavier über die Länge des gesamten Werkes als Wächter nicht nur der Tonalität, sondern auch des Lichtes, zu dem es nach jedem Abstieg in die mikrotonalen Abgründe der Verzweiflung zurückführt. Im dritten Teil 'Andante', im 5/4-Takt, werden verzweifelte Akzente im Verlauf eines langen Crescendo gesteigert, bis das Klavier, diesmal im Baß, den langsamen Rhythmus der 'Atmung' wieder aufnimmt. Zweimal wird dieses Pulsieren unterbrochen, dann wieder aufgenommen, doch immer schwächer und schwächer werdend. Zuletzt ist nur noch das Pedal zu hören (Anweisung der Partitur: Pedal hörbar aufheben). Endlich verstummt auch das, Maria Vogel ist tot.

Der vierte Satz 'Lento' bildet den dramatischsten Teil des Werkes. Die Elegie verwandelt sich in Protest, der Gesang in Chaos, das Seufzen zum Schrei. Das Kernmotiv ist gleichsam wie ein Aufschrei im extreman Diskantbereich der Violine zu hören, während sich in den Mitstimmen die hyperchromatische Verdichtung von Vierteltönen zu einem äußersten Cluster zusammenballt.

Als Sendbote der Tonalität und der Hoffnung hebt das Klavier mit dem Finale 'Moderato pastorale' an. Es ist der wunderbare Augenblick des endlich wiedergefundenen Dialogs zwischen dem Kind und seiner Mutter, zwischen Erde und Himmel. Von dorther steigt eine zärtliche Melodie herab, fast tanzend (im Dreier-Takt), viezehnmal wiederholt im Diskant des Klaviers.

Wie ein von der Erde aufsteigender Nebel der Erinnerung erklingt in achtmaliger Wiederholung, das bisher Gehörte: Das chromatische Motiv des Anfangs, der Wiener Walzer, die sukzessive Umwandlungen des thematischen Materials; doch jetzt wird die Trauer der Streicher von der Ruhe und Ausgeglichenheit des Klaviers überlagert.

Mutter und Kind haben sich wiedergefunden in einem Dialog, der nicht mehr aufhören zu können scheint. Maria Vogel ist unsterblich geworden, sie lebt nun für immer im Herzen der Hörer dieses Quintetts. Noch einmal ist es einem großen Musiker gelungen, Schmerz in Schönheit, Zeit in Ewigkeit zu verwandeln. Nur die Musik kann so vom Tode sprechen, nur die Musik führt uns so über die Grenze des Todes hinaus.

(Aus dem Französischen übersetzt von Mark Heyer und Jürgen Köchel, © sikorski verlag)

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