Pianissimo
In letzter Zeit wird
bei mir das Komponieren - also die bewußte Zusammenstellung von
Bauelementen nach festem Plan - immer mehr von dem verdrängt, was
ich 'Enträtselungsarbeit' nennen möchte: ich bemühe mich,
meine klanglichen Visionen, so wie sie auf mich zukommen, möglichst
genau in Noten einzufangen. Die 'Serenade' zum Beispiel war in einer halben
Stunde scho 'da' - und dann habe ich drei Monate lang mühsam daran
gearbeitet. Manches trage ich jahrelang mit mir herum, bis ich die
Möglichkeit finde, es greifbar zu machen.So ging es auch mit dem
Orchesterstück '...Pianissimo...', daß eine strukturelle Idee
von Franz Kafka verwertet: ein unentwirrbar scheinendes Netz verschiedenartigster
Linien enträtselt sich allmählich als tausendfältige
Wiederspiegelung eines banalen Spruchs. Aber Kafkas Erzählung bildet
nicht das Programm für '...Pianissimo...', sondern nur ein Modell für
die Partitur: für ein Geflecht kurzer oder langer, einfarbiger oder
bunter linearer Gewächse, die alle - einzeln genommen oder in beliebigen
Zusammenhängen - immer dieselbe Urstruktur verkörpern: das 'Gesetz',
das am Ende des Stücks als Zwölftonreihe erscheint. Das ganze Werk
ist eine Folge von zwölf ineinander verzahnten Variationen, bei denen
die strukturellen Proportionen der Reihe auf einen sich ständig erweiternden
Tonraum bezogen werden; das reicht von der chromatischen Skala über
Ganzton-, Terzen- und Quartenskalen bis zu einer Oktavenskala
usw. bis zum siebengestrichenen c.
Illusorische Tonhöhen wie C oder das siebengestrichene c sind durch
tiefe und hohe Glocken, Tamtams etc. dargestellt. Dabei ist keine dynamische
Steigerung vorgesehen, obwohl allmählich das ganze Orchester ins Spiel
tritt. Alle sollen möglichst leise spielen und nur die wechselnden
Tonhöhen andeuten. Erst bei der Kristallisation der Oktavenskala kann
ein Crescendo beginnen, das zum Kulminationspunkt und zum Ausklang führt.
Dynamisch soll das ganze Stück eine dumpfe gärende Masse sein,
die dann am Ende hochsteigt und explodiert.
Passacaglia
Man kann stundenlang
am Meer sitzen und die magische Wirkung der Wellen erleben, doch nie
erschließt sich uns ihre Struktur. Wo beginnt die Welle? Wo ist der
Höhepunkt? Wo beginnt eine neue? Ist es eine Welle oder ein
Zusammenwirken von mehreren in verschiedenen Stadien? Alle diese Fragen sind
unbeantwortet und werden es ewig bleiben.
Das Staunen über das
unergründliche Gesetz der Natur war der Impuls für die 'Passacaglia'.
Das Stück ist nach einem Wellenprinzip strukturiert: sieben
Steigerungswellen, die sich überschneiden (jede neue setzt unmerklich
bei der Spitze der früheren ein) und zu einem Umbruchhöhepunkt
führt - dem einzigen simultanen Einsatz aller Instrumente im ganzen
Stück.
Es sollte ein Werk für Orchester
und Tonband werden: leiser Beiklang von Meeresrauschen von Anfang an, dann,
beim Höhepunkt-Beginn, von stürmischen Meereswogen, das den
Orchesterklang schluckt und dessen Wellenschläge sich als der eigentliche
Passacaglia-Rhythmus enträtseln. Doch in Moskau gibt es zur Zeit kein
elektronisches Studio. Deshalb nach Baden-Baden zu kommen, bestand wenig
Hoffnung (auch bei der Uraufführung werde ich nicht annwesend sein).
So war ich gezwungen, das Konzept zu ändern und den 'Sturmeinsatz' durch
Schlagzeug darzustellen.
(K)ein
Sommernachtstraum
Zwischen 1946 und 1948
lebte ich in Wien - das war entscheidend für mein Leben, denn dort habe
ich mit zwölf Jahren mein Musikstudium begonnen (Klavierstunden bei
Frau Charlotte Ruber). In Wien bekam ich wichtige Eindrücke - sowohl
musikalische (9. Sinfonie von Beethoven unter J. Krips, die Achte von Bruckner
unter H. Knappertsbusch etc.) als allgemeine (zu denen auch die mich immer
ins Schaudern versetzende Todeserscheinung in 'Jedermann', die ich in drei
Inszenierungen der Salzburger Festspiele, 1946, 1947, 1948 gesehen habe ...
leider nur den traditionellen Ausschnitt in der jeweiligen Wochenschau, denn
in Salzburg war ich damals noch nicht).
Als musikalischer Grundton blieb in mir
ein gewisser Mozart-Schubert-Sound in Erinnerung, den ich jahrzehntelang
mittrug und der sich dann nach Jahren bei meinem nächsten
Österreich-Aufenthalt bestätigte - genau so wie auch das
allgegenwärtige Gerippe, das 1946-48 soeben erst seine große Ernte
davongetragen hatte und das sowohl damals, als auch jetzt nicht nur
in der Wochenschau, sondern auch sonst leicht zu sehen war (in den Katakomben
des Stefansdoms, an Bruckners Grab, in den Gängen des Ursulinenklosters
- jetzt Hochschule für Musik und darstellende Kunst etc.etc.).
Mit Salzburg kam ich auch in Verbindung
- 1977 spielte Gidon Kremer bei den Festspielen
Beethovens Violinkonzert mit meinen
Kadenzen, die einen heftigen Presseskandal provozierten, im selben Jahr
wirkte ich als Cembalist bei der Aufführung meines 1. Concerto grosso
im Mozarteum (auch mit Gidon Kremer) mit, 1978 entfachte ich dort noch einen
Ablehnungssturm der Zeitungen wegen 'kulturschänderischer' Bearbeitung
der 'Stillen Nacht' (wieder einmal mit Kremer). 1983 kam der für jeden
Komponist ehrende Auftrag der Festspiele für ein Orchesterstück,
das ich wegen Krankheit nicht rechtzeitig (für die Festspiele 1984)
fertigbringen konnte.
Nun ist es soweit. Das Stück soll
in einem Konzert mit Shakespeare Vertonungen gespielt werden, hat aber keine
direkte Beziehung zu Shakespeare - doch nicht nur deswegen heißt es
'(K)ein Sommernachtstraum'. Und damit wäre alles gesagt über mein
Mozart-Schubert bezogenes Rondo ...
Ich möchte noch hinzufügen,
daß alle Antiquitäten in diesem Stück von mir nicht gestohlen,
sondern gefälscht wurden.
Ritual (Im Gedenken
an die Opfer des 2. Weltkrieges)
Oft reagiere ich nicht,
wenn man versucht, mir diese oder jene dringende Kompositions-Aufgabe wegen
bestimmter Anlässe anzutragen. Doch in diesem Falle konnte und wollte
ich mich nicht widersetzen.
Denn wie viele andere Menschen hatte
auch ich höchste Ehrfurcht vor den Opfern des Zweiten Weltkrieges. So
war ich bereit, einer Bitte der Jugoslawischen Botschaft in Moskau zu
entsprechen, etwas zur Befreiung Belgrads vor 40 Jahren zu schreiben.
Doch gleichzeitig empfand ich diese Arbeit
als ein Gedenken an alle Opfer dieses schrecklichsten aller Kriege, auch
an jene, die in anderen Ländern starben.
Und so schrieb ich dieses Stück
und deutete dabei (etwas durch Zitieren der 'Internationale' in den Glocken)
sowohl die lokale als auch die allgemeine Funktion dieser Trauerhandlung
an.
Polyphonischer
Tango
Der 'Polyphonische
Tango' wurde 1979 für Gennadi Roschdestwenski und das Kammerorchester
des Bolschoi-Theaters komponiert. Es handelt sich um einen Versuch,
die Mitte zwischen Ulk und Ernst zu finden - sowohl schon im Titel, so auch
in der Ausführung, die zwischen Tonalität und Atonalität,
zwischen Banal-Konsonierendem und Banal-Dissonierendem, zwischen Kneipe und
Konzertsaal (aber in beiden Fällen im Frack) pendelt.
© clockwork.de |