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alfred schnittke

Werk
12 Bußverse für gemischten Chor

"Ich bin nicht Resultat, sondern nur Werkzeug; etwas außerhalb meiner selbst wird durch mich hörbar".

I

Adam saß vor dem Paradies und weinte:
Mein Paradies, mein herrliches Paradies!
Für mich warst Du geschaffen,
Nur Evas wegen bist du mir verschlossen.
Ich habe gegen meinen Gott gesündigt.
Und ich habe das Gebot gebrochen.
Ich werde nie mehr paradiesische Speisen sehen.
Ich werde nie mehr die Stimme des Erzengels hören.
Ich habe gesündigt, mein Gott!
O Gott, vergib mit Gefallenen!

II

Es nimmt mich die Wüste auf wie die Mutter ihr Kind.
Leise und stumm birgt sie mich in ihren Schößen.
Drohe mir nicht, Wüste, mit deinen Ungeheuern;
dem Flüchtling ohne Rückkehr in fremder Welt.
O schöne Wüste, du freundlicher Eichenwald!
Du bist mir lieber, als es die Prunkgemächer und Goldkammern des Zaren sein könnten.
Ich werde auf den Wiesen deines Wundergartens gehen,
mit ihren vielen Blumen, wo die Luft von leisen Winden bewegt wird;
wo die lockigen Zweige der Blumen sich bewegen.
Ich werde leben als Wolf, allein durch die Welt treiben, die Menschen und ihr heuchlerisches Leben meiden.
Ich werde mich verstecken, weinend und heulend in deinen wilden Schößen.
O Herr, o Zar!
Du hast mich erfreut mit irdischen Gütern.
Entziehe mir nicht dein himmlisches Reich!

III

Weshalb lebe ich in Armut:
Ich besitze keine Erde,
ich habe keinen eigenen Hof,
ich pflüge nicht den eigenen Garten,
in der Seefahrt suche ich nicht Gewinn,
mit Kaufleuten handele ich nicht,
den Fürsten diene ich nicht,
den Bojaren bin ich nicht nützlich,
als Diener tauge ich nicht.
Zu Büchergelehrsamkeit bin ich ungeeignet,
an die Kirche glaube ich nicht,
die Vorschriften meiner geistlichen Väter mißachte ich,
so ziehe ich göttlichen Zorn auf mich.
Gute Taten sind meine Sache nicht,
ich bin voll der Unehre, mit Sünden beladen.
Gib mir, mein Gott,
vor dem Ende die Möglichkeit zur Beichte.

IV

Meine Seele -
warum befindest du dich in Sünden,
welchem Willen gehorchst du,
wie verwirrend handelst du?
Erhebe dich - laß alles...
und weine bitterlich über deine Taten,
solange du noch wartest auf deine Todesstunde.
Dann wird es zu spät sein, Tränen zu vergießen.
Bedenke, meine Seele,
die bitteren Stunden der Angst und des Schreckens,
bedenke die ewige Qual, die die Sündigen erwartet.
Ermanne dich, o Seele, laut schreiend:
Gnädiger, beware mich!

V

O Mensch - verdammt und armselig,
deine Lebenszeit geht zu Ende, dein Ende naht,
ein schreckliches Gericht wird kommen über dich.
Wehe dir, armselige Seele!
Deine Sonne geht unter,
und der Tag dämmert,
die Streitaxt liegt bei den Wurzeln.
Seele, o Seele,
warum klagst du über die Vergänglichkeit?
Seele erzittere, bevor du deinem Schöpfer erscheinst
und den Todesbecher trinkst
und bevor du leidest unter dem stinkenden Teufel
und vor ewiger Qual.
Von ihr, Christus, befreie unsere Seele -
erhöre unsere Gebete.

VI

Als sie sahen das Schiff, das plötzlich kam,
schrieen die beiden schönen Brüder Boris und Gleb:
O Bruder Swjatopolk, vernichte uns nicht,
wir sind beide noch sehr jung!
Schneide nicht die Sprößlinge,
die noch keine Früchte
hervorgebracht haben.
Schneide nicht mit der Sichel die unreife Ähre,
vergieße kein unschuldiges Blut.
Bereite unserer Mutter keinen Kummer!
Bestatte nur in der russischen Erde im Vyschgorod.
Unserm Gott sei Dank!

VII

O meine Seele, warum hast du keine Angst vor den Toten in den Gräbern,
vor den bloßen und schrecklichen Knochen.
Erkenne und schaue:
Wo ist der Fürst, und wo ist der Herrscher?
Wo ist der Reiche, wo der Arme?
Wo ist die Schönheit des Gesichts?
Wo ist die Redekunst der Weisheit?
Wo sind die Hochmütigen, wo die Ruhmsüchtigen?
Wo sind jene, die mit ihrem Gold und ihren Perlen vor anderen prahlen?
Wo ist Stolz, wo ist Liebe?
Wo sind die Habgierigen?
Wo ist das wahrhaftige Gericht, das dem Schuldigen keine Ruhe gibt?
Wo ist der Herrscher, wo der Sklave?
Ist nicht alles gleich:
Staub und Erde und stinkender Schmutz?
O meine Seele, warum zitterst du nicht vor Schreck?
Wieso hast du keine Angst vor dem schrecklichen Gericht und den ewigen Qualen?
O armselige Seele!
Erinnere dich, wie du den Worten des irdischen Zaren, eines vergnüglichen Menschen, mit Aufmerksamkeit folgtest,
aber den Geboten deines himmlischen Schöpfers nicht gehorchtest.
Du lebst in ewiger Sünde,
die Lehre der Schrift nimmst du nicht ernst, du spottest über sie.
O meine Seele!
Weine, schreie Christus zu:
Jesus, rette mich!
Befreie mich - folgend den Gebeten der Heiligen -
von ewigen und bitteren Qualen.

VIII

Wenn du die Zeitlosigkeit der Trauer überwinden willst,
dann sei nie traurig vom zeitlichen Unglück.
Wenn du einmal geschlagen wirst
oder wenn dir die Ehre genommen wird
oder wenn du verjagt würdest,
sei nicht traurig,
sondern sei immer frohen Herzens.
Sei nur dann traurig, wenn du gesündigt hast.
Doch selbst dann nur mit Maßen.
Dann gerätst du nicht in Verzweiflung
und zerstörst dich nicht.

IX

Über mein Leben als das eines Geistlichen
habe ich nachgedacht!-
über mein trauriges und unsicheres Leben.
Ich habe mir gesagt: Wehe mir!
Was unternehme ich alles, wo lebe ich und was ertrage ich.
Im Kloster gibt es Mönche und Arbeiter
und viele untergeordnete,
dazu ältere und geschwätzige Mönche.
Alle sind vom Hochmut besessen und gierig nach Geld.
Sie hassen ihre Freunde. Ihr Geiz verbindet sie.
In ihrer Tücke sind sie verknöcherte Verdammte.
Sie selber tun nie Abscheuliches,
aber uns werfen sie kleine Fehler vor.
Sie haben zu jeder Zeit die verschiedensten Speisen genossen.
Uns aber wollen sie nicht einmal ein schlechtes Essen gönnen.
Wein und andere Getränke haben sie immer getrunken.
Töricht vor Gier, haben sie uns verschmäht.
Sie haben von allem mehr als genug.
Uns hat man keinen einzigen Becher angeboten.
O wahnsinniger Geiz!
O Abneigung gegenüber den Nahestehenden!
Sie haben nicht darüber nachgedacht,
daß die göttlichen Güter allen zugedacht sind.
Sie haben vergessen die mönchischen Gelübde;
wenn sie das nicht vergessen haben, dann waren sie in allem unehrlich.
Ihre Bäuche haben Sie vollgestopft.
Kleidung haben sie in Mengen angehäuft.
Den irdischen Menschen haben sie damit geprahlt.
Wanderer und Arme haben sie nicht beachtet, sondern sie sogar beleidigt.
O Christus, unser Gott, unser Herr
und himmlischer Zar, gib uns Geduld,
um Kränkungen zu ertragen.
Befreie uns aus ihrer Gewalt.
Rette uns, Herr, rette uns, du Menschenfreund!

X

Sammelt Euch, Ihr christlichen Menschen!
Laßt uns preisen das Leiden der Märtyrer,
die Christus im Leiden nachfolgten und viel Leid erduldeten.
Sie haben ihren Leib mißachtet
in dem einzigen Vertrauen zu Gott.
Vor Zaren und Fürsten haben sie Christus bezeugt
und ihre Seele dem echten Glauben geschenkt.
Jetzt, Freunde und Brüder,
leiden auch wir für den christlichen Glauben
und für das heilige Reich, für unseren rechtgläubigen Zar und für das christliche Volk.
Widerstehen wir unseren Verfolgern,
und beschmutzen wir nicht unser Gesicht.
Weichen wir nicht zurück,
sondern treten den Feinden
und Ungläubigen entgegen,
die unseren Glauben zerstören wollen.

XI

Ich bin in dieses elende Leben
gekommen als nackter Säugling.
Nackt werde ich auch aus dem Leben gehen.
Ohnmächtig - warum muß man Beschwerde führen.
Nackte - warum seid ihr grundlos besorgt,
wissend, daß unser Leben nicht ewig währt?
Wunderschön, wie wir gehen nach gleicher Art
aus der Dunkelheit ins Licht
und aus dem Hellen ins Dunkel,
aus dem Mutterleib mit Schreien in die Welt
und aus der traurigen Welt ins Grab.
Der Anfang ist Weinen - das Ende ist Weinen.
Welche Notwendigkeit ist unser Gehen?
Traum, Schatten, Verlockung,
das ist die Schönheit des Alltags.
O Zauber des vielfältigen Lebens!
Wie Blumen, wie Staub und wie Schatten geht es vorüber.

(Texte aus dem 16. Jahrh.)

(Aus dem Russischen übersetzt von Tatjana Rexroth)

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