Fazil Say (*1970)

harmonia mundi

"Der Junge spielt wie der Teufel"

Fazil Say - das Multitalent

fazil say

Black Earth, Silk Road, Silence of Anatolia, Paganini Variationen und andere Klavierwerke

Fazil Say, Klavier - Kammerorchester Gulbenkian - Orchestre National de France u. a.

naive records

AV 4954 (Vertrieb: harmonia mundi)

Den mußt du dir anhören, der Junge spielt wie der Teufel!” sagte der Komponist Aribert Reimann zum Klavierprofessor David Levine. Der hörte sich den fünfzehnjährigen Fazil Say, Sohn eines Schriftstellers aus Ankara, an und ruhte nicht eher, bis er diesen ‚Teufel‘ als Stipendiaten des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes als Studenten in seiner Klavierklasse am Düsseldorfer Robert-Schumann-Institut hatte. So begann der Siegeslauf des inzwischen 33jährigen Pianisten außerhalb seiner Heimat. Vorausgegangen waren Studien am einst von Paul Hindemith gegründeten Konservatorium von Ankara: Klavier bei einem Schüler von Alfred Cortot, Komposition bei einem Zögling von Henri Dutilleux - es wäre schandbar, da von einem provinziellen Hintergrund zu sprechen. Nach dem Studium in Düsseldorf machte Say mit einem Lehrauftrag für Korrepetition an der Berliner Hochschule der Künste erste Erfahrungen mit der Lehrtätigkeit und dem Leben als Ausländer in Deutschland: Eifersüchtig wachte die Ausländerbehörde darüber, daß er seine Aufenthaltserlaubnis pünktlich jeden Monat verlängern ließ.

1994 gewann Fazil Say den Wettbewerb “Young Concert Artists International Auditions” in New York. Kurt Masur saß in der Jury und wurde zu einem wichtigen Mentor, Konzertengagements in die USA häuften sich, und Say verlegte seinen Wohnsitz nach New York. Inzwischen hat sich seine solistische Karriere auf die ganze Welt ausgeweitet, er präsentiert sein immenses Repertoire in Soloabenden, Auftritten mit Orchester und als Kammermusiker.

Doch das ist nur eine Facette dieses Genies an Vielseitigkeit: Say ist gleichzeitig ein vielbeachteter Komponist, dessen Werke weite Verbreitung finden. So wurde beispielsweise sein zweites Klavierkonzert Silk Road, das auch auf dieser CD zu hören ist, 1996 in New York uraufgeführt. Stilistisch unterwirft er sich keinen Zwängen, verleugnet seine türkischen Wurzeln nicht, steht zu seiner Verankerung in einer kosmopolitischen Kultur und käme nicht auf den Gedanken, seine Liebe zum Jazz zu verbergen. So steht er einzig für sich selbst, ein Individualist, fern von jeder Ideologie, ein Multitalent und Brückenbauer zwischen den Kulturen.

Und als ob das alles noch nicht genügte, brach er in diesem Jahr zu einer Tour mit dem Titel “Ein türkischer Virtuose auf türkischen Straßen” in die türkische Provinz nach Anatolien auf, um junge Zuhörer für die Klassik zu begeistern. Und sie saßen ihm in überfüllten Sälen zu Füßen, wenn er ihnen, das Mikrophon in der Hand, Meisterwerke von Mozart, Bach, Ravel und Liszt vorspielte und erläuterte oder auf Zuruf hin improvisierte. Fazil Say verkörpert die verbindenden Kräfte der Musik in einem Maß, das ihn für die Nachfolge des unermüdlichen Humanisten Yehudi Menuhin zu prädestinieren scheint.

aus "harmonia mundi magazin" Fono Forum Dezember 2003

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