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"Ich weiß,
daß ich beim Anhören eines Werkes eines mir
vollkommen
unbekannten
Komponisten die ersten Male nur das höre, was ich darin hören
will.
Erst danach fange
ich an zu hören, was der Komponist darin gehört hat."

Die äußeren
Lebensstationen des Alfred Schnittke
lassen sich mit den vier Städtenamen Engels (an der Wolga), Wien, Moskau
und Hamburg benennen. In Engels, der Hauptstadt der einstigen Wolgadeutschen
Republik, wird er 1934 als Sohn eines aus Frankfurt am Main gebürtigen
Journalisten und einer Deutschlehrerin geboren. Von dort während des
Krieges in die Nähe von Moskau verschlagen, beginnt er 1946 in Wien,
wo der Vater bis 1948 als Redakteur tätig ist, seine musikalische
Ausbildung. Dann wird für vier Jahrzehnte Moskau zu seinem
Lebensmittelpunkt: Einem zehnjährigen Studium (anfangs Dirigieren und
Chorleitung, ab 1953 Komposition und Instrumentation) folgt eine etwa
zehnjährige Lehrtätigkeit am Moskauer Konservatorium. Dann beginnt
nach 1970 eine freie Schaffensphase, die in einem Lande kultureller Unfreiheit
starken Belastungen ausgesetzt ist. Um existieren zu können, schreibt
er in 20 Jahren die Musik zu über 60 Filmen. Mit wesentlichen Werken
in polystilistischer Schreibweise berühmt geworden, siedelte Schnittke
1990 mit seiner Familie nach Hamburg über, wo er als Professor und Leiter
einer Kompositionsklasse an die dortige Musikhochschule berufen wird.
Nicht nur durch seine Herkunft zum
Gratwanderer zwischen Ost und West bestimmt (stammt er doch
väterlicherseits aus dem estnischen Nord-Livland), führt ihn seine
Ausbildung (u.a. bei dem nach Moskau emigrierten Webern-Schüler Philipp
Herschkowitz, 1906 - 1989) zu einer Art stilistischer Brückenposition:
Kreisen seine Kompositionen und musiktheoretischen Arbeiten einerseits um
die großen russischen Leitfiguren
Strawinsky,
Prokofiew und
Schostakowitsch, so
finden sich mit Mozart, Mahler, Webern und B. A. Zimmermann gleichstarke
Beziehungen zur "deutschen Musik" mit all ihren Traditionen, die in stilistischer
Hinsicht in vielen seiner Werke aufgegriffen wird.
Auch auf der Landkarte der Neuen Musik
hält Alfred Schnittke in seiner kompositorischen Stilistik eine Art
Kreuzwegposition besetzt. Etwa um 1968 hatte er, der Versuche mit der
dimensionsarmen seriellen Musik überdrüssig geworden - "den bereits
überfüllten Zug verlassen" - und war, von Weberns Kontrastidee
(Fest und Locker), von
Charles Ives und
von Pousseurs Theorie einer Multi-Stilistik (z.B. in Votre Faust)
entscheidend angeregt, zur Polystilistik gekommen. Diese erlaubte es ihm,
durch bewußte Anspielung der Stilunterschiede eine fast schon verloren
geglaubte musikalische Räumlichkeit neu zu entwickeln und wiederum zu
einer dynamischen Formgestaltung zu kommen, die im Laufe der stürmischen
Avantgarde-Periode unmöglich geworden war. Fast mühelos arbeitet
er seitdem mit komplizierten Prozessen der Stilbegegnung und -durchdringung,
wobei er zu einer vieldeutigen Zusammenschau vergangener und gegenwärtiger
Klangwelten findet. In enger Beziehung zur eigenen Klangsprache gelangt er
zu einer freien Verwendung aller musikalischer Schichte. Die Ergebnisse dieses
Verfahrens führen zu faszinierenden Hör- und Erinnerungserlebnissen,
woraus sich das Phänomen seiner starken Wirkung erklärt.
Nach seiner ersten polystilistischen
Komposition, der 2. Violinsonate
von 1968 [BIS-CD-527] (Schnittke
nennt sie "Quasi una Sonata", denn sie sei "ein Bericht über die
Unmöglichkeit der Sonate in Form einer Sonate"), geht er das Problem
einer Symphonie an, das ihn für fast vier Jahre (eine eruptive
Schaffensphase mit zahlreichen Kompositionen - 2 symphonischen Werken, einem
Ballett, mehreren Kammerwerken und fast 20 Filmmusiken) fesseln wird. Ohne
eine sichere Werkkonzeption und ohne klare konstruktive Regeln entsteht eine
höchst eigenwillige "Symphonie in vier Sätzen", die Schnittke selbst
bald als "Un-Symphonie" definiert. Anfangs will er die Benennung "Symphonie"
kaum als etwas Ernsthaftes, aber auch nicht als eine Art Spott verstanden
wissen. Und so stellt er in einem Brief an Hannelore Gerlach 1972 fest: "Es
ist ein Versuch, die inzwischen von der Musikentwicklung zerstörte Symphonie
(mit dramatischer Sonatenform, 'Jahrmarkts-Scherzo', philosophierendem Adagio
und erlösendem Finale) aus Resten und Brocken wieder aufzubauen, dabei
die fehlenden Flächen mit neuen ersetzend... Außer vielen klassischen
Zitaten (Ludwig van Beethoven, Chopin, Strauß, Grieg, Tschaikowsky,
Dies irae, Gregorianische Choräle, Haydn) stammt das Material
von mir (auch das banale - es sind meist Fragmente aus Film- und Theatermusik
von mir)... Ich bin gegen jeden Versuch, dieses Stück rein programmatisch
zu deuten, denn ich hatte kein Programm im Sinn. Ich wollte nur ehrlich mir
selbst gegenüber bleiben - als Mensch (indem ich mir die Freiheit nahm,
die Spannung unserer Zeit ohne falsche Lösungen zu schildern) und als
Musiker (um alle Schichten meines musikalischen Bewußtseins ohne Sorge
um den Stil leben zu lassen)."
Fast zehn Jahre später definiert
er: "Es ist eine Collage-Symphonie,
in der Tonales und Atonales ausgespielt und dadurch auch verfremdet wird
- letztlich ein großes Fragezeichen um die Lebenschancen der
Symphonie-Form."
Uraufführung: 9.
Februar 1974, Gorky
Philharmonic Society
Hall, Gorky Philharmonic Orchestra - Gennadi Roshdestvensky
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Dimitri Schostakowitsch
- DM
19,90 |
Igor Stravinsky - Leben, Werke, Dokumente
- DM
26,90 |
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November
2005 |