Die Symphonie ist dem
Dirigenten-Freund Gennadi Roschdestwenski gewidmet, der das Stück am
9. Februar 1974 in Gorki mit dem Orchester der Philharmonie Gorki und dem
Jazz-Ensemble "Melodia" (mit dem legendären Trompeter W. Tschischik,
der bald darauf nach New York emigriert) zur Uraufführung bringt. Dieses
Ereignis löst eine Flut von Diskussionen und Angriffen aus, die monatelang
die sowjetische Fachpresse bewegt. War man hier Zeuge einer "Zerstörung
der Symphonie" geworden, einer "Anti-Symphonie, einem bloß
"oberflächlichen Vaudeville" oder gar einer "Endstation Symphonie" (wie
sie von Klaus Geitel in Anspielung auf Neumeiers Ballett apostrophiert wird)?
Sicherlich wird der Einbruch des Destruktiven z. B. durch Aktionen des Orchesters
suggeriert, bezieht doch Schnittke etwa den Einzug und das chaotische Einstimmen
des Orchesters in das symphonische Geschehen ein, setzt filmschnittartig
disparate Fragmente an-, über- und gegeneinander, zitiert von der
Gregorianik bis Gershwin, collagiert von ihm früher Komponiertes und
perforiert den Ablauf geordneten Konzertierens durch Auftritte und konkurierende
Aktionen von Orchestergruppen. Immer noch haftet etwas Rätselhaftes
dieser Symphonie an, der man bisher nur mit äußerlichen Analysen
und strukturellen Befunden angenähert hat. Unbeantwortet blieben bisher
Fragen nach Sinn und Bezug der Zitat- und Collage-Technik bei Schnittke.
Benutzt er sie als Sprachmittel der Progression oder als ein Klangmittel
der Abstraktion? Will er mit seiner grandiosen und wohl auch beängstigenden
Zusammenschau Botschaften vermitteln und Hoffnungen Wecken, oder offenbart
sich hier nur ein letzter verzweifelter Blick der verlorenen Menschheit nach
rückwärts? Ist es Zukunftsverheißung oder
Todesverkündigung, Anbruch oder Schlußwort? Begegnet uns Schnittke
als Prophet einer ungeheuerlichen Vielfalt oder als Bote einer entleerten
Endzeit?
Daß die 1. Symphonie eine
Schlüsselfunktion für sein gesamtes späteres polystilistisches
Schaffen besitzt, hat Schnittke selbst mehrfach bekundet. So etwa in einem
Interview mit Walter W. Sparrer: "Die Erste ist für mich das
zentrale Werk, weil darin alles enthalten ist, was isch jemals im Leben gehabt
und gemacht habe, sowohl das Schlechte und Kitschigste - auch die Filmmusiken
- so auch das Ernsteste. Das kommt alles schon in diesem Stück vor,
und da sind alle späteren Werke Fortsetzungen davon und dadurch
bedingt."
Wesentlich für die Entstehung der
Symphonie war Schnittkes mehrjährige Arbeit an der Musik zum Film Und
doch glaube ich von Michail Rom. Dieser Film - der einen Extrakt aus
einer Fülle von Dokumentar-Filmmaterial mit zwei Filmen anderer Regisseure
verbindet und das Ganze mit ganz persönlichen Reflektionen Roms unterlegt
- stellt nach Schnittke "eine scheinbar chaotische, doch eigentlich streng
organisierte Chronik des 20. Jahrhunderts dar. Wenn sich diese tragische
und wunderbare Chronik unserer Zeit nicht meinem Bewußtsein
eingeprägt hätte, hätte ich diese Musik nicht geschrieben.
Denn eigentlich entstand die Symphonie als etwas Parallellaufendes zu der
Filmarbeit mit Rom, und es ist wohl eine Spiegelung, eine freie Spiegelung
dieser ganzen unendlich unruhigen Welt."
Dieses darzustellen, bietet der Komponist
ein 100-Mann.Orchester (mit vierfach besetzten Holzbläsern plus
Saxophongruppe, großem Schlagwerk, allen Tasteninstrumenten
einschließlich Orgel und einem oftmals weit aufgefächerten
Streicherchor auf. Neben Saxophonen sorgen E- und Baß-Gitarre, ferner
verdoppelte Röhrenglocken und Harfen für spezifische
Klangwirkungen.
Die Symphonie hat einen "uneigentlichen
Anfang" (Schnittke), einen merkwürdigen Prolog, der bei
leerem Podium mit magischen Glockenklängen räumliche Spannung schafft
und bald von einem jazzend auftretenden Trompeter eröffnet wird, dem
nach und nach weitere Instrumente mit ekstatischen Floskeln folgen. Während
die Musiker Platz nehmen, setzen sie ihre Spielphrasen beharrlich fort, so
daß sich allmählich ein chaotischer Klangtumult aufbaut, der erst
nach Eintritt des Dirigenten (Applaus) endet, nochmals ausbricht und dann
gänzlich gestoppt wird. Mit dieser ungewöhnlichen Dramaturgie
konzentriert Schnittke alle Aufmerksamkeit auf den Moment, wo das Experiment
"Symphonie" gestartet wird, ein überaus bedeutungsvoll ausgestrekter
Zeigefinger weist mit Intensität auf den Beginn des 1.
Satzes.
Signalhaft setzt Schnittke sofort Extremes
gegeneinander: Einen vieldeutigen Tutti-Einklang auf C und ein weit
aufgefächerter 12-Ton-Cluster der Streicher. Ernsthaftes wird mit frechen
Foxtrottfetzen in Frage gestellt. Dann scheint mit einem trivial anmutenden
barocken Allegro-Thema ein Sonatensatz zu beginnen, doch gleichzeitig
schieben sich Zitate aus eigenen Film- und Theatermusiken darüber. Im
kaleidoskopartigen Spiel polystilistischer Schnittechnik werden auf verschiedenen
Stilebenen Strukturen, Register, Klangflächen und thematisches Material
collagiert, angeschnitten, über-, in- und gegeneinander gesetzt, entwickelt,
verworfen, zerfetzt und karikiert. Klanggewirr stürzt ins Unisono,
kunstvolle Figurationen münden in einen banalen Marsch. Nach einer Kadenz
der Solo-Posaune leiten Pauken-Glissandi zu einem Andante-Abschnitt,
der mit weiteren dramatischen Szenenwechseln und Schnitten überrascht.
Zwölf gespenstische Schläge (Glocken/Tam-tam) führen zu sich
steigernden Bläser/Streicher-Episoden, die in einem erneuten Orchestertumult
kulminieren. Dieser reißt mit einem Tam-tamschlag ab, und aus einem
Bläser-Crescendo steigt das Finalthema aus Ludwig van Beethovens 5.
Symphonie, das sogleich von vielfältigen Stilepisoden abgefangen
wird. Der Satz schließt mit einer düsteren Klangfläche der
Blechbläser, über der wetterleuchtend eine Solotrompete empfindsame
Signale setzt.
Knapper und überschaubarer
verläuft der 2. Satz, den Schnittke als "Jahrmarkts-Scherzo"
bezeichnet. Das quasi-barocke Allegro wird bald von anderen Tanzepisoden
(Walzer, Ländler, Marsch) gestört, die sich gegenrhythmisch und
in fremden Tonarten einmischen. In Fern- und Naheinstellung treten aus der
bunten, zirkushaften Vielfalt vor allem die barocken Sequenzen als auch die
flotten Marschfloskeln hervor (à la Sousa) hervor. In einer kadenzartigen
Orchesterturbulenz setzt sich das Klavier improvisierend durch. Zusammen
mit der Violine bestreitet es eine längere, freie Jazzimprovisation,
die nach ekstatischer Steigerung in ein buntes Orchesterquodlibet eintaucht.
Hier behauptet sich nochmals der Marsch, ehe der Satz mit einem von fast
mechanisch improvisierten Floskeln begleiteten Auszug der Bläser
endet.
Mit dem auf Streicher, Schlagwerk und
Tasteninstrumente begrenzten Orchester wird der 3. Satz, das
"philosophierende Adagio", in einer weitaus homogeneren Faktur entwickelt.
In serieller Schreibweise kommt es zu wellenartigen Auffächerungen der
Streicher, die sich von der Tiefe her auftürmen und nach einer letzten
Kulmination mit einem Paukenschlag in einem abgründigen c-moll-Akkord
zusammenbrechen. Nach nervösen und erregten Passagen der Streich-, Schlag-
und Tasteninstrumente treten aus der Ferne Bläserakkorde hinzu. Innige
Streicherklänge verdichten sich zum Einklang E, dem attacca der
4. Satz mit dem Trauermarsch-Einzug der Bläser folgt.
Wenn Schnittke diesen äußerst
komplexen Schlußsatz einmal als "erlösendes Finale" und später
als einen Versuch zur Gestaltung der Apokalypse bezeichnet, so passen beide
Aussagen zu dem visionären Eindruck, den dieses vielschichtige Endzeit-Bild,
eine eisige Hochebene innerhalb der Symphonie, erweckt. Der Komposition dieser
tollkühnen und letztlich zusammenbrechenden Architektur sollte und kann
man kaum mit einer formalen Analyse begegnen.Stilschichten mehrerer Jahrhunderte
- von Gregorianik bis zur Moderne - treffen aufeinander. Das mit mehreren
Variationen vorbeiziehende Dies irae wird mit Jazzimprovisationen
der Bläser konfrontiert. Grimassenhaft taucht das thematische Material
der ganzen Symphonie auf, Orgelbrausen führt zu hymnischen Steigerungen.
Explosionsartig brechen heile Welten in chaotische Clusterklänge um,
letzte Jazz- und Marschfetzen führen zu einem zarten Tutti-Akkord, in
den ganz leise die 14 letzten Takte der Abschiedssymphonie von Joseph
Haydn (vom Tonband) eingespielt werden.
Wie eine magische Rahmenformel (oder
nochmals als bedeutungsvoller Zeigefinger) folgt der Anfang der Symphonie,
der Glockenprolog, der sich steigernde Orchestertumult. Der Dirigent ist
gegangen. Kein "In my end is my beginning", nur noch "All unser Beginnen
hat ein jähes Ende".
Weltweite Beachtung fand die 1.
Symphonie als die Musik zum 2. Akt des Ballettes Endstation
Sehnsucht, das John Neumeier nach Tennessee Williams gestaltet hat. Der
Hamburger Ballettchef war nach längerer Beschäftigung mit Schnittkes
Werken auf ein Tonband der Uraufführung in Gorki gestoßen. Viele
Details des Werkes suggerierten Neumeier "in gespenstischer Weise, daß
Schnittke diese Musik eigens für dieses Ballett erfunden hätte".
So fand Schnittkes Werk als psychisch-tänzerische Basis eines
Erfolgsballetts erstaunliche Verbreitung und Resonanz: In Stuttgard, Hamburg
und in weiteren zwanzig internationalen Zentren der Ballettkunst wurde Neumeiers
Coreografie bis 1992 über einhundert Mal getanzt und die Musikwelt immer
wieder mit den apokalyptischen Klängen von Schnittkes Symphonie
konfrontiert.
Jürgen Köchel
Uraufführung:
9. Februar 1974, Gorky
Philharmonic Society
Hall, Gorky Philharmonic Orchestra - Gennadi Roshdestvensky
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