"Koppelung zweier
extrem verschiedener Formen:
Zusammenprall des ewigen Glaubens-Abbilds
der Messe,
die gleichsam schon immer da war, mit
der sehr viel jüngeren,
dem Wandel unterworfenen und nach neuen
Gestaltungsmöglichkeiten
suchende Sinfonie. Ohne sich eigentlich
zu treffen, bestehen sie gleichzeitig nebeneinander."
Der 2.Symphonie
Alfred Schnittkes liegt ein persönliches Erlebnis des Komponisten in
der österreichischen Stiftskirche St. Florian zugrunde, die er
anläßlich eines Aufenthaltes beim Kammermusikfestival Lockenhaus
im Jahre 1977 zusammen mit Freunden besuchte. Schnittke schildert dieses
Erlebnis sowie die Entstehung und Konzeption seiner Symphonie wie folgt:
"Wir erreichten St. Florian in der
Abenddämmerung, als der Zugang zu Bruckners Grabstätte nicht mehr
geöffnet war. Die kalte, dunkle Barockkirche hatte etwas Geheimnisvolles.
Irgendwo in der Kirche sang ein kleiner Chor die Abendmesse: eine 'Missa
invisibilis'. Als wir die Kirche betreten hatten, ging jeder von uns in eine
andere Richtung, um die kalte und mächtige Weite des Raumes ungestört
auf sich einwirken zu lassen.
Ein Jahr später erhielt ich vom
BBC Symphony Orchestra einen Kompositionsauftrag für ein Konzertprogramm,
das Gennadi Roschdestwenski leiten sollte. Ich dachte zunächst an ein
Klavierkonzert, Roschdestwenski jedoch legte mir nahe, ein Werk zu schreiben,
das Bruckner gewidmet sein sollte. Als mir dazu nichts einfiel, sagte
Roschdestwenski: 'Vielleicht etwas im Zusammenhang mit St. Florian?' Das
genau war die Lösung. Ich dachte sofort an eine 'unsichtbare Messe'
- eine Symphonie vor einem Choralhintergrund.
Die vier Sätze der 2. Symphonie
folgen der gewöhnlichen Meßordnung, und in den Choralabschnitten
werden liturgische Melodien zitiert. Kann eine Form, die mit den Worten Dona
nobis pacem (Gib uns Frieden) endet, jemals überholt sein?
Die gesamte Harmonik dieser Symphonie
ist nach dem Prinzip eines Kreuzes aufgebaut, ebenso die Form. Wie aber kann
man einen Akkord nach dem Kreuzprinzip aufbauen? In diesem Falle bedeutet
es, daß zwei Akkorde ineinandergreifen, die selbst nicht symmetrisch
sind, aus deren Ineinandergreifen sich aber eine Symmetrie ergibt, und dem
wirkt dann eine horizontale Bewegung entgegen, so daß optisch ein Kreuzbild
in der Stimmführung entsteht. Ich habe das genau befolgt. Es war für
mich sehr wichtig, solch ein konstruktives Prinzip zu finden, besonders für
das Credo.
Die Symphonie ist zwar gleichzeitig Messe,
ist aber weniger Messe als Symphonie, weil sich das, was sich auf die Messe
bezieht, meist nur am Anfang eines Satzes ereignet. Da wird ein gregorianischer
Choral zitiert (oder auch zwei oder einer im Kanon mit sich selbst), und
dann kommt Orchestermaterial hinzu, das meistens selbständig ist und
nichts mit diesem Choral zu tun hat - oder aber eine Weiterführung des
Chorals ist. Und dabei wird alles, was senkrecht steht, streng kontrolliert.
Es muß alles dem Kreuzprinzip entsprechen."
Alfred Schnittkes Symphonie No.2 wurde
am 23.April 1980 von Chor und Symphonieorchester der BBC unter Leitung von
Gennadi Roschdestwenski in London uraufgeführt.
Text mit freundlicher Genehmigung von
BIS, Schweden
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