"Sie ist eine deutsche
Sinfonie. Das heißt: Das Stück ist auf Quasi-Zitaten aufgebaut.
Richtige Zitate kommen fast nicht vor, aber die Musik weckt ständig
Erinnerungen an den Entwicklungsweg der deutschen Musik von Bach bis heute.
Es kommen Namen von mehr als zwanzig Komponisten vor. Aus den Buchstaben
ihrer Namen gewinne ich Zwölftonleitern. Es gibt sozusagen verschiedene
Darstellungskreise dieser Namen. Im ersten Satz kommen die Namen noch nicht
als Zwölftonreihen vor, sondern nur als Notengruppen. Im zweiten Satz
werden den Komponisten Themen zugeordnet, die der Musik dieser Komponisten
ähneln und entsprechen. Erst im Schlußsatz, dem vierten, bilden
die Namen Zwölftongestalten, aus. Außerdem gibt es einige mit
dem Kompositionsauftrag verbundene Ton-Anspielungen: Begriffe wie Erde,
Deutschland, Leipzig..." Im dritten Satz erzähle ich die Geschichte
der deutschen Musik in ihren verschiedenen Epochen und Perioden vom Mittelalter
bis zur Gegenwart. Jeder historische Abschnitt spiegelt sich in einer
andersartigen Musik und doch ist alles miteinander verbunden."
Nach der Uraufführung meiner Ersten
Symphonie (1974) wollte ich sofort eine Zweite beginnen, an dem Punkt ansetzend,
mit dem die Erste endet. (Diese war nämlich eine Collage-Symphonie,
in der "Tonalea" und "Atonales" gegeneinander ausgespielt, dadurch verfremdet
wurde: ein großes Fragezeichen um die Lebenschancen der
Symphonie-Form.)
Dann kam der beehrende Auftrag vom
Gewandhausorchesterchef Prof. Masur und dem Direktor des Peters-Verlages
Bernd Pachnicke, eine Symphonie zu schreiben - und da wollte ich die akustischen
und elektroakustischen Möglichkeiten des neuen Saales ausprobieren.
Mir schwebte eine auf die natürliche Oberton-Skala bezogene Musik vor,
die aus der Aufschichtung des Obertonspektrums gewonnen wird, wo aus
höheren Obertönen gewonnene Tongruppen auftreten, die sich dann
von der Schwerkraft ihres Grundtones lösen und in eine akustische Modulation
übergehen. Der Plan war utopisch, er scheiterte wegen der immer noch
unvermeidlichen Gebundenheit der gegenwärtigen kompositorischen
Möglichkeiten an das temperierte System. Und doch konnte ein Teil dieser
Idee in der endgültigen Fassung der Symphonie (es wurde die Dritte)
verwirklicht werden, und zwar im ersten Satz, aber nur in temperierte
Annäherung. Inzwischen weitete sich jedoch das konzept aus, und
schließlich entstand ein Stück, dessen Tonmateriall aus dem
Monogrammen von mehr als 30 deutschen Komponisten entwickelt wurde (von Bach,
Händel, Mozart bis hin zu Schönberg, Berg, Webern, Eisler, Dessau,
Weill, Stockhausen, B.A. Zimmermann und Henze). Auch diesmal gelang nur der
Versuch einer Sinfonie, obwohl die Form äußerlich den gewohnten
Schemata folgt: I Einleitung - II Sonatensatz - III Scherzo - IV
Adagio-Finale.
Ich weiß nicht, ob die Symphonie
weiter bestehen wird. Ich möchte es sehr, ich bemühe mich darum
und versuche Symphonien zu schreiben, doch bin ich mir im klaren, daß
es logischerweise keinen Sinn hat: die Spannkräfte dieser Form, die
auf tonalem Raumempfinden und Kontrastdynamik fußen, sind durch den
gegenwärtigen materialtechnischen Standpunkt gelähmt. Aber es gibt
Hoffnung: Unmögliches hat in der Kunst Gelingungschancen, das Sichere
ist immer trügerisch und aussichtslos.
Alfred Schnittke (1981)
Uraufführung: 5. November 1981
Gewandhausorchester Leipzig / Kurt Masur .
Text mit freundlicher Genehmigung von
BIS, Schweden
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