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alfred schnittke

Werk
Symphonie No. 3

"Sie ist eine deutsche Sinfonie. Das heißt: Das Stück ist auf Quasi-Zitaten aufgebaut. Richtige Zitate kommen fast nicht vor, aber die Musik weckt ständig Erinnerungen an den Entwicklungsweg der deutschen Musik von Bach bis heute. Es kommen Namen von mehr als zwanzig Komponisten vor. Aus den Buchstaben ihrer Namen gewinne ich Zwölftonleitern. Es gibt sozusagen verschiedene Darstellungskreise dieser Namen. Im ersten Satz kommen die Namen noch nicht als Zwölftonreihen vor, sondern nur als Notengruppen. Im zweiten Satz werden den Komponisten Themen zugeordnet, die der Musik dieser Komponisten ähneln und entsprechen. Erst im Schlußsatz, dem vierten, bilden die Namen Zwölftongestalten, aus. Außerdem gibt es einige mit dem Kompositionsauftrag verbundene Ton-Anspielungen: Begriffe wie Erde, Deutschland, Leipzig..." Im dritten Satz erzähle ich die Geschichte der deutschen Musik in ihren verschiedenen Epochen und Perioden vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Jeder historische Abschnitt spiegelt sich in einer andersartigen Musik und doch ist alles miteinander verbunden."

Nach der Uraufführung meiner Ersten Symphonie (1974) wollte ich sofort eine Zweite beginnen, an dem Punkt ansetzend, mit dem die Erste endet. (Diese war nämlich eine Collage-Symphonie, in der "Tonalea" und "Atonales" gegeneinander ausgespielt, dadurch verfremdet wurde: ein großes Fragezeichen um die Lebenschancen der Symphonie-Form.)

Dann kam der beehrende Auftrag vom Gewandhausorchesterchef Prof. Masur und dem Direktor des Peters-Verlages Bernd Pachnicke, eine Symphonie zu schreiben - und da wollte ich die akustischen und elektroakustischen Möglichkeiten des neuen Saales ausprobieren. Mir schwebte eine auf die natürliche Oberton-Skala bezogene Musik vor, die aus der Aufschichtung des Obertonspektrums gewonnen wird, wo aus höheren Obertönen gewonnene Tongruppen auftreten, die sich dann von der Schwerkraft ihres Grundtones lösen und in eine akustische Modulation übergehen. Der Plan war utopisch, er scheiterte wegen der immer noch unvermeidlichen Gebundenheit der gegenwärtigen kompositorischen Möglichkeiten an das temperierte System. Und doch konnte ein Teil dieser Idee in der endgültigen Fassung der Symphonie (es wurde die Dritte) verwirklicht werden, und zwar im ersten Satz, aber nur in temperierte Annäherung. Inzwischen weitete sich jedoch das konzept aus, und schließlich entstand ein Stück, dessen Tonmateriall aus dem Monogrammen von mehr als 30 deutschen Komponisten entwickelt wurde (von Bach, Händel, Mozart bis hin zu Schönberg, Berg, Webern, Eisler, Dessau, Weill, Stockhausen, B.A. Zimmermann und Henze). Auch diesmal gelang nur der Versuch einer Sinfonie, obwohl die Form äußerlich den gewohnten Schemata folgt: I Einleitung - II Sonatensatz - III Scherzo - IV Adagio-Finale.

Ich weiß nicht, ob die Symphonie weiter bestehen wird. Ich möchte es sehr, ich bemühe mich darum und versuche Symphonien zu schreiben, doch bin ich mir im klaren, daß es logischerweise keinen Sinn hat: die Spannkräfte dieser Form, die auf tonalem Raumempfinden und Kontrastdynamik fußen, sind durch den gegenwärtigen materialtechnischen Standpunkt gelähmt. Aber es gibt Hoffnung: Unmögliches hat in der Kunst Gelingungschancen, das Sichere ist immer trügerisch und aussichtslos.

Alfred Schnittke (1981)

Uraufführung: 5. November 1981 Gewandhausorchester Leipzig / Kurt Masur .

Text mit freundlicher Genehmigung von BIS, Schweden

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