drucken

alfred schnittke

Werk
Symphonie No. 4

Diese Symphonie hat zwar ein Programm, das mir als Autor bei der Arbeit natürlich bewußt war, das aber nicht unbedingt die Hörer beeinflussen sollte. Denn das Werk soll ja nicht durch Worte wirken, sondern durch die Musik, die Noten.

In diesem Werk war folgendes für mich wichtig: Das Programm bezieht sich auf den Rosenkranz, im katholischen Verständnis all dessen, was da geschieht. Dreimal fünf, das heißt fünf glückliche, fünf tragische und fünf Wunderepisoden aus dem Leben der Mutter Gottes. Diese Episoden enthalten im großen und ganzen auch das gesamte Leben Christi, doch wir nehmen es nicht über ihn wahr, sondern über maria. Außerdem hatte ich eine rein musikalische, und darüber hinaus ästhetische Aufgabe: die Darstellung des Zusammenwirkens der drei Linien des Christentums und ihrer gemeinsamen Quelle, des Alten Testaments, das allen drei Linien zugrunde liegt. Deshalb gibt es in der Symphonie vier Intonationssphären. Sie wirken zusammen und werden vereinigt, beispielsweise im Schlußchor, der alle vier Themen enthält. Dabei handelt es sich bei diesen Themen nicht um Zitate, sondern gleichsam um Nachbildungen, um die Illusion zu vermitteln, als seien sie schon einmal entsprechend komponiert worden. Dafür brauchte ich natürlich rein abstrakte, sozusagen technologische Regeln. Ich bediente mich also jener vier Intonationssphären, die keine Reihe oder ähnliches darstellen, sondern Ausschnitte von unendlichen Tonskalen, die nach einer bestimmten Zeit alle zwölf Töne erfassen. Dabei arbeite ich zum Beispiel mit Tetrachorden, die miteinander verkettet sind und schließlich die gesamte chromatische Skala ergeben; außerdem aber auch die diatonische, denn es sind ja diatonische Tetrachorde. Als erster verwendete die Doppelwesenheit dieses diatonisch-chromatischen Tonsystems der miteinander verketteten Tetrachorde Juri Buzko in seinem Polyphonischen Konzert.) Für die "katholische" und die "orthodoxe" Musik sind die verwendeten Tetrachorde ähnlich, im ersten Falle erklingt lediglich Dur, im zweiten Moll. Im "lutheranischen" Thema erklingt ein Sechsklang-Ring. Dieser besteht nicht aus Tetrachorden, sondern aus zwei Trichorden. Dem Thema, das den uralten Synagogengesang darstellt, liegt ebenfalls ein Dreiton-Aufbau zugrunde: Drei Töne im Halbton-Abstand, und dann nach einer übermäßigen Sekunde weitere drei Töne im Halbton-Abstand usw.

Für mich war es wichtig, dieses Werk zu komponieren, in dem es nicht eine einzige Note gibt, die sich nicht in dieses dogmatische Ordungsprinzip einfügen läßt. Und interessant war es für mich auch herauszufinden, bis zu welchem Grade dieser Dogmatismus führen kann, um wieviel er den arbeitenden Künstler einzuengen imstande ist. Nein, er erlegt ihm keine Beschränkung auf. Nicht die strenge Regel engt den Künstler ein, sondern das Fehlen dieser Regel. So wird er, wie seltsam das auch klingen mag, von keinerlei Regeln unter Zwang gesetzt. Sein Wesen können sie sowieso nicht behindern oder stören. Wenn ich mir eine äußerst schwierige Aufgabe stelle, versuche ich dennoch stets, an diese nicht als Technologe heranzugehen, sondern noch etwas über das Zusammenstellen von Noten hinaus zu begreifen.

(Aus einem Interview des Sowjetischen Rundfunks mit dem Komponisten aus dem Jahr 1988.)

Uraufführung: 12. April 1984, Moskau

Great Hall of the Conservatoire, Moscow Philharmonic Symphony Orchestra - Dimitry Kitayenko

up

home

© clockwork.de