Diese Symphonie hat
zwar ein Programm, das mir als Autor bei der Arbeit natürlich bewußt
war, das aber nicht unbedingt die Hörer beeinflussen sollte. Denn das
Werk soll ja nicht durch Worte wirken, sondern durch die Musik, die
Noten.
In diesem Werk war folgendes für
mich wichtig: Das Programm bezieht sich auf den Rosenkranz, im katholischen
Verständnis all dessen, was da geschieht. Dreimal fünf, das heißt
fünf glückliche, fünf tragische und fünf Wunderepisoden
aus dem Leben der Mutter Gottes. Diese Episoden enthalten im großen
und ganzen auch das gesamte Leben Christi, doch wir nehmen es nicht über
ihn wahr, sondern über maria. Außerdem hatte ich eine rein
musikalische, und darüber hinaus ästhetische Aufgabe: die Darstellung
des Zusammenwirkens der drei Linien des Christentums und ihrer gemeinsamen
Quelle, des Alten Testaments, das allen drei Linien zugrunde liegt. Deshalb
gibt es in der Symphonie vier Intonationssphären. Sie wirken zusammen
und werden vereinigt, beispielsweise im Schlußchor, der alle vier Themen
enthält. Dabei handelt es sich bei diesen Themen nicht um Zitate, sondern
gleichsam um Nachbildungen, um die Illusion zu vermitteln, als seien sie
schon einmal entsprechend komponiert worden. Dafür brauchte ich
natürlich rein abstrakte, sozusagen technologische Regeln. Ich bediente
mich also jener vier Intonationssphären, die keine Reihe oder
ähnliches darstellen, sondern Ausschnitte von unendlichen Tonskalen,
die nach einer bestimmten Zeit alle zwölf Töne erfassen. Dabei
arbeite ich zum Beispiel mit Tetrachorden, die miteinander verkettet sind
und schließlich die gesamte chromatische Skala ergeben; außerdem
aber auch die diatonische, denn es sind ja diatonische Tetrachorde. Als erster
verwendete die Doppelwesenheit dieses diatonisch-chromatischen Tonsystems
der miteinander verketteten Tetrachorde Juri Buzko in seinem Polyphonischen
Konzert.) Für die "katholische" und die "orthodoxe" Musik sind die
verwendeten Tetrachorde ähnlich, im ersten Falle erklingt lediglich
Dur, im zweiten Moll. Im "lutheranischen" Thema erklingt ein Sechsklang-Ring.
Dieser besteht nicht aus Tetrachorden, sondern aus zwei Trichorden. Dem Thema,
das den uralten Synagogengesang darstellt, liegt ebenfalls ein Dreiton-Aufbau
zugrunde: Drei Töne im Halbton-Abstand, und dann nach einer
übermäßigen Sekunde weitere drei Töne im Halbton-Abstand
usw.
Für mich war es wichtig, dieses
Werk zu komponieren, in dem es nicht eine einzige Note gibt, die sich nicht
in dieses dogmatische Ordungsprinzip einfügen läßt. Und
interessant war es für mich auch herauszufinden, bis zu welchem Grade
dieser Dogmatismus führen kann, um wieviel er den arbeitenden Künstler
einzuengen imstande ist. Nein, er erlegt ihm keine Beschränkung auf.
Nicht die strenge Regel engt den Künstler ein, sondern das Fehlen dieser
Regel. So wird er, wie seltsam das auch klingen mag, von keinerlei Regeln
unter Zwang gesetzt. Sein Wesen können sie sowieso nicht behindern oder
stören. Wenn ich mir eine äußerst schwierige Aufgabe stelle,
versuche ich dennoch stets, an diese nicht als Technologe heranzugehen, sondern
noch etwas über das Zusammenstellen von Noten hinaus zu begreifen.
(Aus einem Interview des Sowjetischen
Rundfunks mit dem Komponisten aus dem Jahr 1988.)
Uraufführung:
12. April 1984, Moskau
Great Hall of the
Conservatoire, Moscow Philharmonic Symphony Orchestra - Dimitry
Kitayenko
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