Die fünfte Symphonie,
die der Komponist zum hundertjährigen Bestehen und im Auftrag des
Concertgebouw-Orchesters schrieb, führt den polystylistischen Hinweis
schon im Titel: 4. Concerto Grosso - 5. Symphonie lautet er. Mit dem
"Concerto grosso" das den ersten Satz bildet, zitiert Schnittke eine Form,
die bei ihm schon in anderen Stücken eine Rolle spielte: gleichsam ein
zitiertes Zitat also. Mitkomponiert wird zugleich die Anstrengung, heute
zu einer entspannten Concerto-grosso-Geste zu finden: aus der Mischung von
lockerem Ansprung auf das Material, bei dem Geige, Oboe und Cembalo mit dem
Orchester wetteifern, und leicht verzerrter musikalischer Mimik entsteht
eine höchst lebendig wirkende, moderne Concerto-grosso-Musik.
Im zweiten Satz, einem Allegretto,
unternimmt das groß besetzte, percussionsstarke Orchester dreimal einen
als weite Bewegung angelegten Versuch, die Klangwelt Mahlers zu beschwören
- Erinnerung an etwas , das gar nicht zustande kam: der zweite Satz von Mahlers
unvollendetem Klavierquartett von 1876. Schnittke zitiert am Ende des zweiten
Satzes seiner Symphonie die erhaltenen 24 Takte des Scherzos aus Mahlers
Klavier-Quartett: die vier Instrumentalisten, um das Klavier gruppiert, agieren
aus dem Orchester heraus.
Der dritte Satz, mit einer dunklen
Klangregion der Bläser in langsamem Tempo beginnend, steigert sich rasch
zu dramatisch erregenden Höhepunkten und mündet in eine wiederum
langsame Repriese, die Schnittke als vierten Satz konzipierte. Aus dem
Trauermarsch-Charakter dieser Reprise wollen sich
visionär-verklärende Klänge nicht so recht entfalten, der
Satz schließt mit einer verzweifelt sich aufbäumenden
Fortissimo-Gebärde und mündet in einen kurzen, verhauchenden
Lento-Schluß.
Trotz der bemerkenswert langen Spieldauer
von fast einer Dreiviertelstunde wirkt Schnittkes "Concerto-grosso-Symphonie"
formal ungemein konzentriert, farbig in den instrumentalen Tönungen,
klangsatt und reich an musikalischer Gestik. Nach dem spielerischen
Cocerto-Anfang entfaltet sich das Werk in einer weit angelegten Steigerung
als Expressivo-Musik par excellence.
Uraufführung:
10. November 1988, Amsterdam
Concertgebouworkest
- Riccardo Chailly
Text mit freundlicher Genehmigung von
BIS, Schweden
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