Die Symphonie und ihre
Prinzipien sind genauso wenig gestorben wie Gott, ungeachtet der immensen
technischen Fortschritte des zwanzigsten Jahrhunderts oder seiner unvorstellbaren
Greuel. Der begabte Symphoniker neuerer hat gewiss Hindernisse angetroffen,
von denen seine Vorläufer nicht träumen konnten, wobei die
Notwendigkeit, die Hülle dessen zu zerbrechen oder gar zu zerschmettern,
was man bis zu den Pioniertaten Arnold Schönbergs oder sogar darüber
hinaus als unumgänglich betrachtet hatte, eines der größeren
war.
Alfred Schnittkes Ausdauer als Symphoniker
ist so unerschütterlich wie sein Mut, der viele äußerliche
und innere Schicksalsschläge ertragen und überwinden mußte.
Das traditionelle Schema einer viersätzigen Symphonie ist immer für
ihn die ständige Herausforderung, die sie für Sibelius und
Schostakowitsch war und für Sallinen ist, diesen hervorragenden Symphoniker,
gleichaltrig mit Schnittke. Die wilde, scheinbar "alles geht"
Erste Symphonie Schnittkes
ist nicht nur eine äußerlich viersätzige Struktur, sondern
ein Versuch, die rigorose, sorgfältige Ausarbeitung neuer symphonischer
Prinzipien auf sich zu nehmen. Im letzten Satz dieser
Ersten Symphonie läßt
Schnittke sogar das Dies Irae aus scheinbar anarchischen Tönen
steigen, um als Rahmen einer Zwölftonreihe zu dienen, und welche,
ihrerseits, die Möglichkeit einer erstickenden Tyrannei darin wahrnimmt.
Dann, mit dämonischer Präzision, wendet er diese Reihe in einen
zu dieser Zeit in der damaligen Sowjetunion populären "Hitsong"!
Dieses Vorwort dient als Andeutung, daß
Schnittke den Weg, den er kurz vor 1970 begonnen hatte, nicht verließ,
aber daß die Reise eher nachdenklich wurde, und in der viersätzigen
Symphonie No. 6 des Jahres 1992 mit einer erstaunlich originellen
Subtilität eingeprägt wird. Schnittke widmete sie Rostropowitsch
und dem National Symphony Orchestra of Washington, die die Erstaufführung
in Moskau am 25. September 1993 spielten. Als die Symphonie am Anfang des
Jahres 1994 die Vereinigten Staaten erreichte, machte Schnittke, der sich
auf seiner letzten größeren Reise vor seinem dritten großen
Schlaganfall befand, eine Anzahl Streichungen an dem was er bereits eine
konzentrierte und seltsam exponierte Symphonie war. Er unternahm außerdem
kleinere Änderungen der Orchestrierung. Rostropowitsch notierte diese
Striche (durch welche auch die Anzahl der Takte mit Generalpausen verringert
wurde) und Änderungen in seiner eigenen Partitur, und übermittelte
sie Schnittkes Verleger in Wien, im Mai 1995.
Das Komponieren der Sechsten
Symphonie 1992 fällt mit der Orchestration der zwei ersten Akte
seiner Oper Historia von D.Johann Fausten zusammen. Es gibt auffallende
Ähnlichkeiten, nicht nur bei der Instrumentation, sondern auch bei Teilen
des thematischen Materials.
Der erste Satz der Symphonie No. 6
beginnt (und endet) mit einem Akkord, systematisch aufgebaut und zu einem
sorgfältigen Knoten gebunden. Seine Wirkung ist explosiv; und aus der
Asche entstehen sehr konzentrierte Zellen, wie übriggebliebene Reste
nach der Wahl der Gnade. Diese Reste sind als Achtelnoten geordnet,
zunächst mit einem Halbton, dann mit verschiedenen Intervallen, die
wiederholt werden. Daraus entsteht ein Teilthema, das zunächst in den
Bratschen zu hören ist. Von besonderer Bedeutung in der Sechsten
Symphonie ist aber Schnittkes Handhabung der Blechbläser. Drei Posaunen
bringen ein choralähnliches Thema, das sich über dem Satz abzeichnet.
Dies beschwört nicht nur Bruckners Geist herauf - dies hatte Schnittke
bereits in seiner Zweiten Symphonie getan, und er sollte es wieder
in den Siebten und Achten Symphonien tun; wie ich andeutete, ist es
die in der Faust-Oper erkennbare Instrumentation, die hier bewußt
heraufbeschworen wird, dazu noch die Essenz dieses Werkes - der Vokalsatz
der drei Weheklagen des Faust. (Daher stammt auch die weitaus dünnere
und genau festgelegte Instrumentation seiner dritten Oper,
Gesualdo.)
Die verstreuten Reste klingen wie
flehentliche Gebete - wie ein musikalischer, theologischer Freund, der bei
der britischen Erstaufführung neben mir saß, spontan und sicherlich
korrekt bemerkte. Diese Bitten erreichen die Stufe einer weinenden
Intensität, bevor der Instrumentalsatz (Kontrabässe, die den Klang
dreier Hörner zugleich polstern und dämpfen) in einen Zustand
auseinanderbricht, den Tschaikowskij im musikalischen Bewußtsein aller
Menschen dort unauslöschlich machte, wo seine eigene Sechste
Symphonie den Punkt tiefster Verzweiflung erreichte. Schnittke ersetzte
dann die ursprünglichen vier Pausentakte mit einem Crescendo der Pauken.
Feuersteinähnliche, stechende Mosaiken bringen die Sonatenform des ersten
Satzes wieder auf den rechten Kurs, wobei das Intervall eines Ganztons immer
mehr an Bedeutung gewinnt. Ein neues Gefühl der Aufregung führt
zu einem steil steigenden Motiv, bevor der nicht zu besänftigende Akkord
des Anfangs wiederkehrt, um den Satz zu seinem Ende zu bringen
Der zweite Satz, Presto, entspricht
dem traditionellen Scherzo. Er ist eine sehr kriegerische Erwiderung der
Aspekte des vorangehenden Allegros.Die mit Granit eingelegten Speichen
stoßen weg, während vier Trompeten eine neue Variation von Schnittkes
disziplinierten, miteinander verbundenen Intervallideen bringen - insbesondere
jene des Halbtones, die diesmal in Sechzehntelnoten erscheint. Ihr zankhaftes
Tempo erinnert an eine Opernperson, einem Buffo in einem Zustand impotenter
Wut, und verlangt eine beträchliche Virtuosität. Das Trippeln
kristallisiert sich zunächst in einer Passage für geteilte Streicher
heraus (sie erinnert an eine ähnlich ausreißerische Stelle in
Schostakowitschs
Vierter Symphonie): sie kehrt zweimal zurück, zunächst zwischen
vier Trompeten, dann in den Streichern aber diesmal sul ponticello,
was eine deutliche Verbindung mit einem quälenden Andere-Welt-Abschnitt
im letzten Satz des letzten Streichquartetts von Schostakowitsch hat. Der
Tribut, den Schnittke seinem großen russischen Vorgänger in diesem
Presto zollt, wird dann von dem einsamen aber enervierenden Erscheinen
eines Solopiccolos humorvoll gekrönt - man erinnert sich an die Rolle
des Piccolos in Schostakowitschs eigener Sechster Symphonie.
Im Adagio spielen die Streicher
ein zwölf Töne umfassendes Thema, während Permutationen der
Zwölftonreihe gleichzeitig in der Harmonik zu finden sind. Bei der Reprise
wird sogar eine melodische Linie frei gesungen. Hier schuf Schnittke eine
erfrischend musikalische Art, die Zwölftonreihe zu behandeln. Er scheint
allerdings sich dessen bewußt zu sein, daß diese scheinbare
Lösung etwas Trügerisches hat. Die von zwei Fagotten unterstützte
Baßklarinette macht im Rahmen vierer Töne eine versteckte Anspielung
auf den Beginn von Wagners Tristan und Isolde. Es ist nicht das erste
Mal, daß Schnittke den Tristan herbeizitiert: das Zitat ist
eklatant in der Faustkantate - die der letzte Akt der
Faust-Oper werden sollte - in jenem Augenblick, als der Lehrling Wagner
das Antlitz seines toten Meisters kurz sieht; und es spielt eine sehr wichtige
Rolle in der Peer-Solveig-Musik des symphonisch angelegten Balletts
Peer Gynt.
Gegen Ende des Adagios macht Schnittke
einen schneidenden Intervallsprung und bringt dann eine weitere
Zwölftonpermutation, mit neuem Pathos gefüllt. Die erste Fassung
der Partitur trägt nicht den Vermerk "attacca", aber Schnittke machte
es später klar, daß die Fanfare zu Beginn des vierten Satzes ohne
Pause folgen soll. EIn hartnäckiges Viertonmotto setzt das Tempo, und
indem Schnittke Motive aus den anderen Sätzen mit einbezieht, erweckt
er bei uns das Gefühl, daß diese viersätzige Symphonie eine
geschmeidige aber klare Einheitlichkeit hat. Obwohl die Motive hier weniger
fragmentarisch als früher sind, bleiben sie aber nach wie vor holperig.
Die thematische Substanz des ersten Satzes, die, wie ich andeutete, mit den
drei Weheklageb des Faust eng verbunden ist, fällt wieder ganz besonders
auf. Später versucht das Thema sogar, mit erneuter Geschmeidigkeit zu
singen.
Die stechenden Mosaikbewegungen kehren
aber zurück. Das Motiv, mit dem der Satz begann, ist wieder da, jetzt
aber völlig verzweifelt - es erreicht eine Ebene erschöpfter
Resigniertheit. Die Symphonie endet mit dem nachhallenden Echo einer Glocke,
nachdem die nochmals neugruppierten, reumütigen Reste zu klingen
aufgehört haben. Bei der Revision füllte Schnittke die letzten
zwanzig Takte und unterstützte dadurch harmonisch das, was eine
fragmentarische Monophonie war, ein einziger Glockenschlag.
Uraufführung:
25. September 1993, Moskau
Great Hall of the
Conservatoire, Moscow National Symphony Orchestra Washington - Mstislav
Rostropowich
Text mit freundlicher Genehmigung von
BIS, Schweden
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