Die Siebente Symphonie
wurde 1993 komponiert und Kurt Masur gewidmet, der die Uraufführung
im Februar 1994 in New York mit dem New York Philharmonic Orchestra dirigierte.
Obwohl die formale Struktur drei Sätze vorschreibt, faßt das
unschuldige Ohr es als ein zweigeteiltes, nicht dreigeteiltes Werk auf.
Hinsichtlich der Zeitdauer ist dies die bei weitem kürzeste unter Schnittkes
acht vollendeten Symphonien, aber die relative Kürze darf nicht über
die inhaltliche Tiefe hinwegtäuschen.
Die beiden ersten Sätze sind wie
eine Einheit. 42 Takte lang singt eine Solovioline ihren Bußpsalm.
1990 hatte Schnittke ein Madrigal für Violine geschrieben,ein
höchst privates In memoriam über seinen engen Freund und
Interpreten, Oleg Kagan, der im Sommer an Krebs gestorben war. Kagan war
imstande, die Partiten und Sonaten von Bach mit einer von keinem
anderen Violinisten erreichten, messerscharfen Konzentration zu spielen.Schnittke
wußte dies besser als jeder andere, und die Erinnerung daran wird
aufrechterhalten, und noch öffentlicher gemacht, in einem Anfang, der
in der symphonischen Literatur ohne Gegenstück sein dürfte. Endlich
erscheinen die tieferen Streicher. Ihr Flüstern wird immer Kräftiger.
Es gibt eine Rückkehr zum Bachähnlichen Beginn, jetzt so gestaltet,
als ob er an einen Kanon erinnern möchte, den Berg 1930 schrieb und
Schnittke 1985 für neun Streicher stzte. Es folgen überirdische
Harmonien in geteilten Streichern, sie werden gedämpft, räumen
dann den Platz für ein abermaliges Erscheinen des Anfangsthemas, das
diesmal von den ersten Violinen gespielt wird, während die zweiten Violinen
einen Akkord aushalten, der uns in den zweiten Satz bringt.
Holzbläsereindringlinge schleichen
herein - sie werden im letzten Satz der Siebenten Symphonie am
Kernpunkt stehen. Es gibt ein Knurren der Blechbläser und ein
bedrohliches, entferntes Klopfen, das vom Schlagzeug herrührt und von
wichtigen Takten unterbrochen wird, in denen das Schweigen herrscht.
Die vom dritten Satz umspannte Zeit ist
mehr als doppelt so lang wie jene des kompakten Andante-Largo. Das
im vorigen Satz als Omen erschienene Gackern der Holzbläser macht sich
jetzt unvergesslich. Gleichzeitig hören wir die Flöten in Sechzehnteln,
die Oboen (in Dreiergruppen), Klarinetten in Achteln und Fagotte in Viertelnoten,
alles im 3/4-Takt. Das Blech dient als Leitstrahl. Nach einem kurzen Abschnitt
für die tieferen Streicher kommt später eine distinkte melodische
Linie der Oboe, von der Baßklarinette und der kleinen Klarinette in
Es gefolgt. Es folgt ein deutliches Auseinanderbrechen in Bestandteile, so
wie auch in der Sechsten Symphonie.
Ganz plötzlich bringen die Hörner
eine neue Melodie. Dies ist das denkwürdigste Thema der Siebenten
Symphonie und wird noch zweimal zu hören sein. Beim ersten Erscheinen
ist dieses für Schnittke so völlig typische, aber gleichzeitig
Anton Bruckners Geist heraufbeschwörende Thema deutlich nostalgisch,
und dieser EIndruck wird durch die zweitaktige "Fortsetzung" auf dem Cembalo
verstärkt. Die ersten Violinen antworten aber scharf und fordern Schnittke
auf, sich von diesem höchst verständlichen "Fehler" zu distanzieren.
Das Folgende ist spielerisch, bis das edle Thema zurückkehrt, diesmal
in den Trompeten. Inzwischen sorgen die Violinen dafür, daß die
Stimmung nicht nachläßt. Einzelne Instrumente haben kurze Soli,
darunter das erzählerische Piccolo (das wir am Ende des zweiten Satzes
von Schnittkes Symphonie No. 6
hörten, und das in einer sehr verschiedenen, zu einer anderen Welt
gehörenden Sphäre den ersten Satz der Achten Symphonie
beendet).
Die thematische Entwicklung bricht aber
dann auseinander. Ein unheilverkündendes Schlagzeugarsenal nimmt die
Bühne in Besitz, wo sich Cembalo und Harfe einen hoffnungslosen Kampf
liefern, bis die Trompete ein trotziges Zwölftonthema bringt. Es folgt
ein Versuch, das Auseinandergebrochene zu reparieren, der an Prokofjews
Romeo und Julia erinnert. Er wird aber frenetisch, interessanterweise
so frenetisch wie die berühmte Duellmusik im erwähnten Ballett.
Die Streicher spielen abermals für sich selbst, und ein Versuch, zur
früheren Verspieltheit zurückzukehren, wird teilweise wiederholt.
Dies alles macht Platz für die letzte Reprise des führenden
"Bruckner/Mahlerthemas"- jetzt eine valse funèbre - auf der
Tuba, dann Kontrafagott, schließlich Kontrabaß. Die karge
Instrumentation ist typisch für Schnittkes damaligen Stil: die valse
funèbre klopft beunruhigend dahin mit einem entwaffnenden, schlichten
Ernst.
Ronald Weitzmann 1995
Uraufführung:
10. Februar 1994, New York
Avery Fisher
Hall/Lincoln Centre, New York Philharmonic Orchestra - Kurt
Masur
Symphonie No. 8
+ Concerto Grosso No. 6, Postnikowa,
V. Roshdestvensky, Royal Scottish PO, Roshdestvensky, Chandos 9359
Text mit freundlicher Genehmigung von
BIS, Schweden
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