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alfred schnittke

Leben
Komponist eines Lebens voller Tragik

Klaus Geitel zum Tode von Alfred Schnittke

klaus geitel

Er war lange schon ein schwer gezeichneter, zutiefst leidender Mann, dem Tod nur mit Mühe entronnen. Alfred Schnittke, dem Musiker, der aus der russischen Kälte kam, gelang es in wenigen Jahren, sich als einer der eigenständigsten, fruchtbarsten, umschwärmtesten Komponisten der Nachkriegszeit durchzusetzen.

Nun aber zeigt es sich, daß ihm keine Begnadigung zum Leben, nur ein Aufschub vergönnt war. Alfred Schnittke ist in Hamburg im Alter von nur 63 Jahren gestorben, an der Stätte seiner größten Triumphe. Für das Hamburger Ballett von John Neumeier hatte er 1989 einen abendfüllenden "Peer Gynt" komponiert, 1995 wurde als Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper seine "Faust"-Oper uraufgeführt.

Das war, nachdem er 1994 bereits seinen dritten Schlaganfall erlitten hatte. Von dessen Folgen erholte er sich nicht mehr. Rechtsseitig gelähmt, komponierte er dennoch bis zum Schluß, wobei er mühsam die linke Hand über das Notenpapier führte. Seine neunte Symphonie wurde in diesem Juni in Moskau uraufgeführt.

Schnittkes Stern ging spät, aber mit einem derart überwältigenden Strahlen auf, daß es selbst die Musikastronomen verblüffte: Warum ist Schnittkes Musik beim Publikum, das normalerweise alles musikalisch Neue von Herzen haßt, mit einem Schlage so populär?

Der Antworten darauf sind viele. Eine der zutreffenderen mag sein, daß es Schnittke gelang, Spott mit dem eigenen Entsetzen zu treiben. Tatsächlich steckte so etwas wie ein Woody Allen in seiner Musik, er grimassierte, schlug Volten, entwischte immer wieder mit knapper Not dem Hammer des Schicksals, der nach ihm schlug. Aber auch diesen Hammerschlag hat Schnittke immer wieder in seinen musikalischen Text einkomponiert.

Schnittke schrieb nicht Musik über Musik, sondern über sich und sein Leben; mehr noch: über das Leben mit seinen koboldartigen Sprüngen, Stürzen, Haupterhebungen, Demütigungen, Hautabschürfungen, Katastrophen, Klimmzügen und Auferstehungsekstasen. Er kleidete seine musikalischen Lebensberichte in alle erdenklichen Formen, von der Kammermusik, dem Solo-Konzert bis zur Sinfonie, und fand auf jedem Gebiet mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit zu sich selbst. Die dritte, die «Deutsche Symphonie», reflektiert in komplizierten Zwölftonkombinationen den Weg deutscher Musik von Bach bis heute. In der vierten Symphonie verarbeitete er Themen aus jüdischen, russisch-orthodoxen, katholischen und protestantischen Gesängen.

Er schrieb keine Schulmusik, von Abhängigkeiten gefesselt, voller Referenzen und erstklassiger Adressen, sondern unabänderlich Schnittke-Musik, und wie ein Tibetteppich kompositorisches Patchwork. Es war, als habe die Welt seine Musik in Fetzen gerissen und er, der Überlebenskünstler als Komponist, flicke sie noch auf dem Sterbelager pflichtgetreu wieder zusammen. Schnittke schrieb eine Musik, die dem Hörer ohne Umschweife einleuchtete und ihn ergriff.

Er konnte sich musikalisch in Verzückung hinaufkomponieren, buchstäblich bis ans Himmelstor, in riesigen Adagios, die höher und höher kurvten, und dann unvermittelt ganz nüchtern anklopfen, wie um nachzufragen, ob Gott überhaupt da sei und wirklich hier wohne. Man fiel aus allen Wolken darüber - und Schnittke mit.

Er schrieb eine zwischen klug gesteuerter, dramatisch zwingender Trivialität und metaphysischem Aufflug fluktuierende Musik von kalkuliertester Klangsinnlichkeit. Er machte Spagat über allen Gräben der Neuen Musik. Er versöhnte nichts; er verhöhnte nichts. Er war unter den Komponisten der bedeutendste Dichter, ohne je zu Programm-Musik Zuflucht zu nehmen. Er war der Russe, der dem Westen gefehlt hatte, demütig, beunruhigend und beunruhigt, gestenreich und erschütternd: ein Dostojewski sozusagen der Töne.

Klaus Geitel
© Berliner Morgenpost 1998

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