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Als Alfred Schnittke
1985 einen massiven Schlaganfall erlitt - der seine schöpferischen
Fähigkeiten unglaublicherweise kaum beeinträchtigte - hatte er
sein Streichtrio vor kurzer Zeit abgeschlossen, das Bratschenkonzert
gerade vollendet und die Arbeit an seinem ersten Cellokonzert
weit gebracht. Daneben hatte er auch den Großteil einer
abendfüllenden Ballettpartitur geschrieben! Der amerikanische Choreograph
und Direktor des Hamburger Balletts John Neumeier hatte Schnittkes erste
Symphonie (zusammen mit Prokofjews Visions fugitives in
Streicherfassung von Rudolf Barschaj) für ein Ballett nach Tennessee
Williams' Endstation Sehnsucht verwendet, und das Concerto grosso
Nr. 1 (zusammen mit Musik von Arvo Pärt und anderen) für sein
Ballett Othello. Er trat dann an Schnittke mit dem Gedanken heran,
ein Ballett nach Ibsens Peer Gynt zu schaffen, welches Schauspiel
Neumeier seit seiner Studienzeit fasziniert hatte. Der Komponist nahm die
Aufgabe mit großem Eifer in Angriff.
"Peer Gynt" ist eine sonderbare
literarische Person, für die uns der Schlüssel fehlt; er ist sogar
noch sonderbarer als Faust". Diese Worte Schnittkes deuten an, wie wichtig
ihm persönlich das Thema ist. Peer Gynt ist ein bedeutendes Werk,
außerdem eines von den zugänglichsten in seinem Schaffen. Die
äußerst originelle Struktur der Partitur enthüllt aber einen
deutlich symphonischen Aufbau (im erkennbaren Sinne des Wortes "symphonisch").
In einem Brief an Neumeier drückte Schnittke seinen Wunsch aus, diesem
das Werk zu widmen.
Schnittke hatte 1971 das sehr
"unballettische" Ballett
Labyrinthe komponiert. Beim
Komponieren der Musik für Peer Gynt machte er einen
allmählichen Prozeß durch, bei dem er jegliche Andeutung einer
den Tanz begleitenden oder ihm unterworfenen Musik zurückwies. Dieses
Verwerfen eines jeden ballettähnlichen Gedankens zeigte ihm aber wiederum
den Weg zur Verwirklichung der Partitur als unabhängiges, organisches
Ganzes. Dies wurde durch gewisse besondere Züge des Talents seines
Mitarbeiters ermöglicht. Schnittke selbst sagte: "Neumeier choreographiert
nicht Ton für Ton... Es bleiben beide Dimensionen; einmal ist die Musik
der Schatten der Bewegung, einmal die Bewegung der Schatten der Musik. ...Wenn
nicht alles parallel läuft, entsteht ein selbständiges Bewußtsein
für die Musik; die Wahrnehmung erweitert sich. Man spürt, sieht,
hört jetzt zwei Welten. Diese seltsame Empfindung von der
Nicht-Gleichzeitigkeit aufeinander bezogener Prozesse ist mir sehr
wichtig."
Uraufführung:
22. Januar 1989, Hamburg
Hamburgische
Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg - Eri Klas
Alfred Schnittke (r.) mit John Neumeier
(l.) bei den Proben zum Ballett "Peer Gynt" in der Hamburger Staatsoper,
Januar 1989
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